Das einzige, was Random Access Memories ein klein wenig vermissen lässt, ist Abwechslung und ein wie auch immer gearteter Spannungsbogen. Zwar bewegen alle Stücke auf einem hohen Niveau und für sich genommen alle definitiv in der Kategorie “Musik die nicht so scheisse ist wie die von David Guetta und sogar…

Kaum eine Gruppe hielt die in den letzten Jahren ansonsten auf Halbmast hängende Fahne der elektronischen Popmusik so hoch wie Daft Punk. Nachdem “Künstler” wie David Guetta die Charts mit ihren musikalischen Dünnschiss verstopft haben, war zumindest bei mir die Hoffnung groß, dass das groß angelegte Comeback der Franzosen auch eine kleine musikalische Qualitätssteigerung in den Charts herbeiführt. Die Zeichen standen gut – Previews, Kollaborationen mit diversen Künstlern, darunter Giorgio Moroder, einem der Erfinder elektronischer Tanzmusik, und Chilly Gonzales, Nile Rodgers, aber auch Julian Casablancas, Pharrell Williams und zum Glück nicht Will.I.Am oder Rihanna; weg vom ausgewalzten Roboter-Image von Human After All hin zu einer aufpolierten Retro-Future-Funk-Verpackung – und vor allem: weniger Samples, mehr echte Musik. Und das von Daft Punk, den zwar nicht Pionieren, aber zumindest Meistern des Alte-Lieder-Auseinanderschnibbeln-und-neu-zusammensetzen-und-viel-Filter-draufpackens. Jetzt also nicht bei Discoklassikern bedienen, sondern neue schaffen? Da scheint einiges im Gange gewesen zu sein. Viel Hype.

Kurzgesagt: Wehe dieses Album enttäuscht. Es sind immerhin Daft Punk.

Nun, zumindest die Annahme, ein zweites Discovery mit Synthesizergitarrensoli und Vocoderorgien, nun aber zusätzlich ausgedehnten Moog-Passagen und eigentlich Progkrautrockdiscofunk mit French-House-Einschüben in den Player befördern zu können, scheint falsch gewesen zu sein.

Stattdessen findet sich auf Random Access Memories aber sehr gut gemachter Popfunk mit tatsächlich sehr viel Vocoder, unverkennbar Daft Punk.

An sich teilt sich das Album in drei Kategorien – Hommage, Popsong mit hochkarätiger Gastbesetzung und… nennen wir es Entspannungspausen. Man kann aber keinen der (meist vocoderverzerrten) Texte als hohe Lyrik ansehen, aber geht es darum überhaupt? Stattdessen definiert aber allen voran Get Lucky, Nummer 8 des Albums und die nun zur Genüge im Radio gespielte erste Single des Albums, den gesamten Ton des Albums eigentlich perfekt: Großartig produzierter Pop mit eben hochkarätigen Gästen (in diesem Falle wieder: Neptunes wie eh und je umtriebigen Pharrell Williams), ganz viel verträglichem Funk in einem zeitgemäßen Gewand – mit einem großen Spaßfaktor und einer tatsächlich authentisch anmutenden Leichtigkeit.

Und trotzdem gehen die Augenbrauen erstmal beim Opener, Give Life Back To Music, hoch. Nach einem opulenten Intro fühlt man sich in die 70er zurückversetzt, inklusive Schlaghose und überbordenden Brusthaaren. Der Song scheint zumindest vom Titel her das Leitmotiv des Albums zu repräsentieren, schließlich wollten Daft Punk mit dem Album weg von Samples zu realen Instrumenten, diesmal unter anderem gespielt von Nile Rodgers – auch auf diese Weise reihen sich die Franzosen neben Chic, Sister Sledge und andere Discopopgrößen ein.

Der zweite Song schlägt erstmal leisere Töne an, heißt passend zum Pornomusikoutfit Game of Love, erinnert dabei stark an die leiseren Stücke auf Discovery, allen voran Something About Us. Nichts spektakuläres, aber sehr ohrwurmig und angenehm dahindudelnde Musikuntermalung für diverse Aktivitäten wie… Kaffee trinken.

Die andere Zielsetzung, eine Hommage an diverse Disco-Größen in die Regale zu stellen, unterstreichen Daft Punk mit dem dritten Stück – Giorgio by Moroder, das sie zusammen mit, wer hätte das gedacht, Giorgio Moroder aufnahmen und das mit einem Voiceover des Disco-Elektro-und-also-auch-Techno-Pioniers beginnt und langsam dahinblubbernd irgendwann immer lauter und fetter wird und eigentlich eine sehr nette klangliche Reise beginnt, nicht unbedingt Postrockstrukturen unähnlich.

Within, das vierte Stück, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Game of Love – Vocoderslowsexmusic. Irgendwie ein wenig Füllercharakter.

Auch durch den Vocoder singen durfte Julian Casablancas, den ich vor allem mit Alteleutesex assoziiere (VIDEO), der sonst aber bei den Strokes singt, jetzt aber ein durchaus ohrwurmiges, langsames Liedchen namens Instant Crush auf die CD brennen durfte.

Pharrell Williams, die erste folgt dann als nächstes – Lose Yourself To Dance ist ein – wie alles auf diesem Album – gutproduzierter Ohrwurm der selbst mich mitwippen lässt. Falls wider Erwarten noch ein wenig Geschmack in der kollektiven deutschen Musikhörermasse vorhanden wäre, würde ich einen neuen Sommerhit prophezeien. Stattdessen klaut Pitbull vermutlich einfach wieder irgendnen 90ies-Song, labert drüber, Flo-Rida labert mit, beide verdienen Millionen an ihrem Nummer-1-Hit, bevor Will.I.Ams neue iPhone-Accesoire-Werbung im Musikfernsehen der neueste fette Scheiss wird.

A propos fetter Scheiss: Wirklich fetter Scheiss ist die Nummer sieben, Touch, wie Giorgio by Moroder eine Art Showcase – mal synthesizerisch dahinblubbernd, dann fast kitschig discoesk mit Bläsern, dann langsam, dann langsam und mit Vocoder, natürlich. Nicht allzu radiotauglich, aber wunderhübsch.

Zu Nummer 8, Get Lucky, braucht es nicht mehr viele Worte, den Song auf Platz eins der Downloadcharts sollte inzwischen jeder zur Genüge kennen, der gerne Radiosender für eine Zielgruppe unter 60 hört. Beyond, Startnummer 9, holt dafür die opulenten Streicher prominent hervor und grooved entspannt vor sich hin vocodernd aus den Boxen, bevor Motherboard, Nummer 10, instrumental und erneut entspannt daherkommt.

Aus der Kategorie der Gaststars findet sich als elftes Stück der nette Ohrwurm Fragments of Time, der sehr an eine gewisse andere ähnlich klingende Band erinnert – Gastsänger ist hier Todd Edwards, auch wenn ich unwissend beinahe auf Jamiroquais Jay Kay getippt hätte. Übrigens, das… „Instrument“ am Ende klingt dann doch großartig nach Daft Punk. Da krieg ich Nostalgieherzchenaugen.

Das vorletzte Stück, Doin’ it right, gehört, für mich zumindest, in die Kategorie der Lieder die ich nicht mag: Repetetiv, aber dafür umso sehr sich-in-Gehörgängen-festsetzend. Ist das nun gut oder schlecht? Sänger ist hier übrigens Panda Bear, bekannt von Animal Collective.

Eins der besten Stücke findet sich abschließend auf dem allerletzten Startplatz. Contact rollt das Feld von hinten auf und zischt, fiept, bummst und ist dabei so schön unschön, dass man sich unwillkürlich auch ein wenig an den, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, untypischsten, aber auch daherwalzendsten Song der Franzosen erinnert – Contact klingt stellenweise nicht weniger sauer und heftig als Rollin’ and Scratchin’, wenn auch trotzdem viel lieber und mit doch weitaus komplexeren Strukturen. Trotzdem bettet sich dieser Song wunderbar und nicht nur als Abspann in das Album ein und bildet auch einen guten Rahmen im Gesamtwerk von Daft Punk, das ja eben Mitte-Ende der 90er mit Rollin’ And Scratchin’ und weiteren Titeln wie Da Funk und Around The World seinen Anfang nahm. Geht doch eben nix über Filter. Das weiß wohl niemand besser als französische Houseproduzenten.

Das einzige, was Random Access Memories ein kleinwenig vermissen lässt, ist Abwechslung und ein wie auch immer gearteter Spannungsbogen. Zwar bewegen sich alle Stücke auf einem hohen Niveau und für sich genommen alle definitiv in der Kategorie “Musik die nicht so scheisse ist wie die von David Guetta und sogar so etwas wie Qualität hat”, auf Albumlänge wirkt das durchexerzieren von verschiedenen Disco-Klischees aber ein wenig zu balanciert, stellenweise ist alles ein wenig zu laid back und mit allen Vocodern und Funkgitarren und Discostreichern fehlt definitiv etwas wie Varietät, die nicht vollständig durch Gaststars und Geschwindigkeitsveränderungen ausgeglichen werden können. Mehr Stücke der Art von Giorgio by Moroder oder Contact hätten dem Album sicher gut getan. So ist dieses Album vor allem ein großartiges Vehikel für großartig konzipierte Sommerhits, derer es hoffentlich viele geben wird. Ich warte dann mal so lange auf Remixes und Alternativversionen.

Aber die Synthesizergitarrensoli fehlen, verdammt. Dabei hätte es doch so gut gepasst.

Ich hol jetzt jedenfalls mal meine Schlaghosen und bürste mein Brusthaar. Discotime, bitches.