Post-Rock-Bands gibt es ja schon länger wie Sand am Meer.

Klassisch an den Vorbildern orientiert, mit Prog-Metal versetzt, gekreuzt mit Piano-Wellen, elektronisch mit Ambient aufgepeppt oder auch jazzig in den siebziger Jahren hängengeblieben. Den Überblick kann da wohl kaum jemand behalten, so wie in Hülle und Fülle, fast täglich neue Instrumental-Longplayer die Presswerke verlassen. Nicht wenige davon gehen in der Flut an Veröffentlichungen auch unter. Zu versuchen sich unter angesprochenen Voraussetzungen die Sahnestückchen herauszupicken, ist ein fast unmögliches Unterfangen. Mit ein bisschen Glück, lässt sich auch ohne lange im Sand zu schürfen hin und wieder ein Bernstein zu Tage fördern.

Pelagic Records, 2009 gegründet, veröffentlichten seit 2014 mehrere Alben der seit 1999 aktiven Instrumental-Rocker Wang Wen.

Wang Wen aus China können weder strickt in die eine, noch in die andere Kategorie post-rockiger Klänge einordnen. Trompeten, Violinenbogen, Glockenspiele und Klaviertöne addieren daraus resultierende untypisch klingende Effekte und schaffen zusätzliche Wiedererkennungswerte. Dalian, ihre Heimatstadt, wurde von Bandmitglied Xie Yugang mit den Worten „depressiv“ und „düster“ beschrieben. Nicht wenige Einwohner:innen zogen damals in wohlhabendere Gebiete Chinas und Dalian bot ein eher dunkleres Abbild seiner selbst. Invisble City, quasi ein Klassiker der Bandhistorie spiegelte genau den Gegenentwurf zu der vorherrschenden Depression wieder und versteht sich als selbstbewusste Loyalitätserklärung an ihren Heimatort. Xie, Geng, Zhou, Zhang, Xu und Huang arbeiten hierfür erneut mit den belgischen Produzenten Wouter und Lode Vlaminck zusammen und komponierten innerhalb von 10 Tagen in Island trotz der Polarnächte ein Album voller Wärme. Dieses spezielle isländische Studio entwickelte seine ganz eigene Atmosphäre, in der alle Mitglieder ihre Gefühle in kreativen musikalischen Output umwandelten.

In den letzten 22 Jahren veröffentlichten Wang Wen sage und schreibe 10 Alben.

Visuelle Umsetzung und haptische Aspekte spielen im Schaffen der am härtesten arbeitenden Indie-Band Chinas eine sehr große Rolle. Begriffe wie „Isolation“ und „Kollektive Individualität“ gehörten schon vor dem Ausbruch der Pandemie zum eigenen Repertoire. Der Albumtitel 100,000 Whys wurde inspiriert durch das Gedicht I Keep Six Honest Serving Men von Rudyard Kiplings und zeigt die kollektive Verwirrung die durch den Ausbruch der Corona-Pandemie entstand.

Daraus resultierende Einschränkungen durch die Regierung zwangen Wang Wen umzuplanen und die Produktion ihres elften Albums von St. Petersburg in den heimischen Proberaum zu verlegen. Produzent Wouter war ohne seinen Bruder für die Produktion auf sich allein gestellt. Verfremdete Bassklänge und mehrmals durch verschiedenste Effektgeräte gejagte Synthesizer, hauchen 100,000 Whys ein gewisses Retrogefühl ein und lassen Assoziationen zu vergangenen psychedelischen Zeitzonen wachwerden. Dieses Album bedeutet einen weiteren logischen Schritt in die mit Invisible City eingeschlagene Richtung, die trotzdem prägnant für die Band spricht. Weiterhin beinhalten Wang Wen die Tiefenwirkung eines alles verschlingendem Ozeans, beweisen trotz Vielfalt, das an der richtigen Stelle Positivität in Zeiten der Trauer durch Musik vermittelt werden kann.

Nach der Veröffentlichung von Invisible City 2018 steht nun damit ihr wohl zugänglichstes Werk seit 0.7 von 2012 in den Startlöchern.

Wir präsentieren mit Freude die Veröffentlichung von 100,000 Whys für den 24.09.2021. In China wurde das Album zwarschon am 24.09.2020 veröffentlicht, aber dank Pelagic Records erblickt es nun auch den Rest der Welt. Hier könnt ihr das Album auf Vinyl bestellen: https://bit.ly/2VG9ibe.

Titelbild: Wang Wen | (c) Pelagic Records

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