Anlässlich des zuvor veröffentlichten zweiten Albums Exploding Head bespielten A Place To Bury Strangers am 29.11.2009 die Bühne des Beatpol in Dresden.

Internetplattformen wie YouTube und Bandcamp steckten noch in den Kinderschuhen und MySpace verfügte zudem nur über eine begrenzte Anzahl an abspielbaren Tracks. Blogspots waren damals das heiße Ding für neue Musik, eigneten sich aber auch perfekt dafür die ein oder andere Obskurität auszugraben. Über einen dieser Blogs, dessen Name mir nicht mehr geläufig ist, las ich ein Jahr zuvor das erste Mal von Oliver Ackermann und seinem Ort um Fremde zu begraben. Rezensiert wurde hierbei das schlicht mit A Place To Bury Strangers betitelte erste Album von 2007.

Definitiv war hier noch nicht alles Gold was glänzt, da hin und wieder der rote Faden ein wenig verlorengegangen war, aber Auftritte als Support von zum Beispiel Nine Inch Nails und diverse Festivals bedeuteten dann in Summe eine Plattenvertrag mit Mute Records und stellten die Weichen in Richtung Durchbruch einer noch relativ unbekannten Band.

A Place To Bury Strangers zogen an diesem Abend alle Register. Ungezügelte Energie, Lautstärke am oberen Limit, Lichtreflexe, mit zündenden Melodien gepaarte Krachorgien die in ungeahnter Intensität dargeboten meilenweit von verstörend entfernt zu Hause waren. Hunderte von Konzerten und drei Longplayer später ist nach fast 12 Jahren von diesem Line-up nur noch Mastermind Ackermann übrig. Diversen Veränderungen und Einflüssen geschuldet sah sich Oliver in Zeiten der Pandemie fast einer Auflösung seiner Band gegenüber. Lia Braswell, Schlagzeugerin für ein Album und Bassist Dion Lunadon, seit 2011 Mitglied der Strangers, verließen das Spielfeld.

Aber Herr Ackermann hat das eine oder andere Ass im Ärmel und legte mit der Gründung seines Labels Dedstrange den Grundstein für eine absolut unabhängige Arbeitsweise der eigenen Band. Das Ausspielen einer Karte in Richtung zukunftsträchtige Bandbesetzung, erfüllt im weiteren schon mehr als den Trumpf in der Hand und stellte sich als der Joker heraus. Von 1995-2002 firmierte Oliver zusammen mit Paul Baker und John Fedowitz unter dem Namen Skywave und begab sich erstmals in die Grenzgebiete von Post-Punk, Noise-Pop und Noise-Rock. Nach deren Auflösung gründete 2005 John die Band Ceremony, deren wechselnde Besetzung seit 2018 seine Frau Sandra Fedowitz beheimatet.

Im April 2021 bestätigte Ackermann, Sandra und John Fedowitz würden mit sofortiger Wirkung die neue, ultimative Version von A Place To Bury Strangers ausmachen, die mit der Hologram EP einen Vorgeschmack auf mehr geben sollte. Das Wort Vorgeschmack entpuppt sich nebenbei erwähnt als pure Tiefstapelei, denn die fünf kürzlich veröffentlichten Songs machen eines unmissverständlich klar.

A Place To Bury Strangers schreddern und krachen mit einer Breitseite an Feedbackwänden und offensiver Schönheit in Richtung der bereits für 2022 bestätigten Europa-Tour. Mit Spielfreude und frischen Ideen geht es raus aus der Pandemie und die Kurve zeigt steil gen Gipfel, nachdem das bis dato letzte Album Pinned von 2018 für mich eher eine kleine Enttäuschung darstellte.

Eine Rückkehr zu den Anfangstagen gemixt mit moderner und auf den Punkt ausgeloteter Produktionsweise beschreibt für mich schon die Überraschung des zweiten Jahreshälfte. Im Winter 2009 war auch nicht absehbar ich würde 2022 den News-Artikel für eine für mich ganz oben rangierende Band verfassen um vergangenes in aktuellem zu verschmelzen.

So etwas wie eine vorweihnachtliche Überraschung gaben die drei bekannt, datierten die Veröffentlichung des neuen, sechsten Albums auf den 04.02.2022 und schenkten uns gleich noch den Vorabsong Let`s See Each Other.

Der dazugehörige Clip entstand unter der Regie von Davy Pelletier und untermauert effektiv diese Ankündigung. Psychedelische Prismafarben wechseln sich mit Einstellungen der Bandmitglieder ab, die auf ihren Instrumenten spielend, mit Sonnenbrillen ausgestattet, leicht lockere Coolness verstrahlen. Kein Schnitt zu viel, jede Einstellung an der richtigen Stelle, wirft Sandra lässig grinsende Blicke in Richtung Kameraobjektiv, platziert ihre versetzt geschlagenen Becken wie Peitschenhiebe sitzend in den schmissigen Grundrhythmus bis jedes Staubkörnchen von selbst das Metall verlässt. Johns wobbelnde Bassgitarre zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt, geht ihren Weg hindurch den Nebel von Olivers Stroboskop getränkten Gitarrenfetzen. Kühl, aber keineswegs kalt pumpt die rhythmische Gelassenheit sich ihren Weg, versprüht den Hauch belgischer Elektronik, bis sie sich in ein hallend, wallendes Riff begibt um später abrupt abzuebben. Genau zweihundertfünfzig Sekunden exzellenter Noise-Pop, danach ist der Spuk vorbei, aber dafür gibt es ja die Repeat-Taste. In dieser Form wird es wohl schwer werden sie vom Thron der lärmenden Kathedrale zu stürzen, egal was derzeit angepackt wird, es funktioniert mit Nachhaltigkeit.

Titelbild: A Place To Bury Strangers | (c) Ebru Yildiz

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