See Through You ist das mittlerweile sechste Album von A Place To Bury Strangers und gibt den Ausschlag für eine ausgedehnte Europa-Tour.

Zeit ihrer Auferstehung im Jahre 2007, beschallten immer wieder Unkenrufe die Orte um Fremde zu begraben, man würde doch nur die Krawall-Zeiten von The Jesus And Mary Chain interpretieren ohne den eigenen Geist wachen zu lassen. Fakt ist, Oliver Ackerman erstand auf dem Flohmarkt eine Platte der in East Kilbride, Schottland gegründeten Band, deren Existenz vornehmlich durch die Reid-Brüder exzessiv bis zu deren unabwendbarer Auflösung 1999 gesteuert wurde.

Diverse Differenzen zwischen den beiden Brüdern Jim und William Reid, die zu einer unlösbaren Aufgabe heranwuchsen, bedeuteten damals nach 15 Jahren Bandkarriere das vorzeitige aus. Parallelen in Richtung Schottland sind definitiv nicht von der Hand zu weisen, jedoch griff die Herangehensweise der A Place To Bury Strangers von Beginn an auf ein viel höheres Maß von Lautstärke, Krach-Orgien und Stroboskoplicht zurück. Nicht nur The Jesus And Mary Chain, deren Just Out Of Reach relativ früh vertont worden war, auch David Bowie, dem Chamäleon der Pop-Geschichte, zollten sie zu Lebzeiten Tribut und unterzogen Suffragette City ihrer eigenwilligen Frischzellenkultur. In Form einer Mini-LP huldigte das Trio 2013 der kultigsten Garage-Rock ‘n’ Roll-Band die je die Erdoberfläche betreten sollte, den Dead Moon.

9 Jahre später liegt nun der follow-up zu ihrer letztjährigen Hologram-EP vor und Oliver hat nicht zu viel versprochen, denn allerlei Überraschungen warten auf euch.

Spiegelte das Hologramm definitiv eines ihrer bisher schönsten vertonten Bilder namens I Need You in unsere Ohren und blieb im Midtempo eingegraben schon nach einer Viertelsekunde hängen. Später auftretende, quietschende Gitarrenriffs im positiven Sinne dezent eingesetzt haben gegen diesen Umstand nichts einzuwenden, handelt es sich im Ergebnis um die schönste Referenz die du in Richtung Schottland schicken könntest. Ein absolut einzigartiger Schmachtfetzen des Noise-Pop, der dich sofort hypnotisieren möchte und jede Playlist um eine weitere Perle erweitert. Besser hätten ihn die schottischen Könige der wahnsinnigen Rückkopplungen wahrscheinlich auch nicht hinbekommen, denn genau wie deren Hit Just Like Honey vereint die Ausgangsbasis zu gleichen Teilen Zuckerwatte und Lärm. Minimalistisch gleiten wir mit Nice Of You To Be There For Me in die ersten drei Minuten die monoton im Grundaufbau, scheinbar die Musiker:innen rückseitig stehend gegeneinander anspielen lassen und an einer Stelle wo im Normalfall der Refrain zu hören wäre, schubbert eine wiederkehrende Frequenz wie ein Gummiball und tingelnd verquer, hin und her.

Mit I’m Hurt schiffen die 3 Musiker:innen problemlos in den Heimathafen der belgischen Elektronik ein, ohne dabei in die Retro-Falle zu tappen. Konsequenterweise offenbart der dazugehörige Videoclip das pure Leiden, in dem das kollektive Bewusstsein Olivers Leiden durch eine Vielzahl grotesker Situationen dämonisch zum Ausdruck gebracht wird und den Hauptdarsteller durch die kühle Nacht jagen lässt. Eine Reihe namhafter Horrorfilmregisseure wurden von den Noise-Pop-Rocker:innen kontaktiert, um sich für eine Reihe geplanter Videoclips im Rahmen des neuen Albums ihre Fähigkeiten zu Nutze zu machen.

Let’s See Each Other verkörpert eine pumpende Überraschung die beweist, dass auch die Garage der Merkwürdigen am richtigen Fleck sitzt und glasklare, unverzerrte Gitarren-Hooks beachtet wurden. Auf der einen Ecke krachiger, an der anderen Hauswand poppiger agierend, ergänzen sich beide Welten in einem Guss und Sandras versetzt hämmernden Takte besitzen im Stehen spielend erneut die Ästhetik der Maschinenrhythmen.

Weniger Tempowechsel einsetzend, viel mehr stoisch treibend und elektronisch verzahnt, gibt sich das neue Album im Vergleich zu der letztjährigen Hologram EP.

Keine Ahnung wie viele Effekte und Schichten von Verzerrung über die nächsten 3 Songs aufgetürmt wurden, aber So Low, Dragged In A Hole und Ringing Bells peitschen ohne Atempause in Richtung Albummitte, so dass keine Rede von Kompromissbereitschaft sein kann. Dissapear (When You’re Near) schwingt uns in eine kurze, aber erholsame Ruhepause wobei nur die Geschwindigkeit herunter gedrosselt werden möchte.

Eine leicht schief abdrehende Gesangslinie, die markante Hookline und tanzbare Schlagzeugrhythmen rücken die Karte für Anyone But You wieder zurück in Richtung gehobene Schläge pro Minute und Oliver scheint absichtlich mit leicht schief angelegter Note ordentlich unbeteiligt seine Worte durch die Mikrofon Effekte zu schicken. Das Rezept hierbei, jeder holt aus seinem Instrument eine ordentliche Schippe Wahnwitz heraus und Johns geschmeidig brummende Griffe in die Basssaiten honoriert sein Sänger mit abgedrehten Riffs aus der Schieflage, ohne unkontrolliert vom Verstärker zu kippen. Kein Stopp, kein Haken in Sicht, zieht der Opener der B-Seite einfach schnurstracks durch die Mitte und lässt die am Straßenrand vorbeirauschenden Bäume in Hundertschaften hinter sich. Dort wo andere Noise-Popper:innen dezent ihre Verzerrer bedienen, scheint Herr Ackermann möglichst gleichzeitig eine ganze Bank an Gitarrensalven abzufeuern wollen, in deren Folge die Fensterscheiben des nächsten Supermarktes gleich reihenweise zum Bersten gebracht werden.

Nachdem My Head is Bleeding und Broken verstrichen sind, darf mit Hold On Tight ein veritabler Hit seine Runden drehen und im Set zur nächsten Aftershow-Party des Melt Festivals mehr als direkt wie die Faust aufs Auge sitzen könnte. Aber halt, warum nicht eigentlich gleich auf einer der Bühnen des traditionsreichen Festivals auftreten, spielen dort schon seit Jahren auch elektronisch angehauchte Gitarren-Bands. Anstatt sich in vergangenen Phasen von selbst aufgelegter, überspitzter Experimentierfreude um die eigene Achse zu drehen, liegt der Focus positiv auf Überraschungen und der Jam-Charakter ihrer Konzerte rückt etwas in den Hintergrund. 2014 funktionierte mit Transfixiation eine stark avantgardistisch gesetzte Ausrichtung nur bedingt auf Albumlänge, die erstmals zum Ziel haben sollte, geschriebene Songs nicht komplett durch zu strukturieren, um den rohen, unfertigen Charakter hervorzuheben.

Und da wir schon bei Überraschungen sind, bekommen die Hörer:innen bei den letzten beiden Liedern derer noch einmal ordentlich eingeschenkt. Eine nach fernöstlicher Folklore klingelnde Melodie leitet I Don’t Know How To Do It ein und wie sich unschwer erkennen lässt, winken die Schotten augenzwinkernd von einem ihrer Reederei-Schiffe die unter ihrem Namen Ocean Majesty bis zum zur Atlantikküste bekannt sind. Onwards To The Wall, 2012 veröffentlicht bekommt nunmehr Gesellschaft, da Oliver Ana Breton für einen Gastauftritt am Mikrofon gewinnen konnte und die beiden ein Duett mittels Refrain auf den Präsentierteller legen.

Love Reaches Out serviert zu guter Letzt einen Hauch von New Order und verbindet eine damals als fortschrittlich geltende Mischung aus Post-Punk und Elektronik, die nicht durch avantgardistische Experimente bekannt wurde, sondern Disco kompatibel ihren ruhmreichen Zug durch die Jahrzehnte führte. Soft und tanzbar dahingleitend, fast ohne Geschredder auskommend verlassen die Strangers das Feld und See Through You hallt in die Nacht hinaus, mit Glanz und Pop-Appeal.

Auch wenn A Place To Bury Strangers wenige direkt auszumachende Hits auf dem sechsten Album unterbracht haben, sollten sie mit diesem Drang nach Veränderung noch weitere 10 Jahre ganz oben mitspielen, denn mit diesem Hoch kannst du nur über dich hinauswachsen.

14 coole Songs zwischen den Grenzen Noise-Rock, Post-Pop und allerlei Feedbacks, welche nie darauf aus sind dich zu vertreiben, sondern mitzureißen.


Im Rahmen ihrer Let’s See Each Other-Europa-Tour spielten A Place To Bury Strangers am 12.04.2022 im Hole 44 in der Hermannstraße. Hole 44, zuvor als Galaxy Club in Neukölln verortet, mir gänzlich unbekannt geblieben, öffnete am 12.04.2022 unter dem neuen Namen seine Pforten für Oliver Ackermanns Dedstrange Records Festival. Dem Umstand geschuldet das hier mindestens sechs Bands durch das Abendprogramm führen würden, ging das ganze schon 17:30 Uhr los und arbeitsbedingt verpasste ich leider die Hälfte der Support-Acts.

A Place To Bury Strangers Live on Stage garantieren für eine Menge Energie, noch mehr Lichtblitze und ebenso viele rückwärts gekoppelte Gitarrenriffs die anscheinend für aktuelle Konzerte ihre Verdopplung fanden. Oliver Ackermanns Schwärmerei ist nicht unberechtigt, denn Sandra und John Fedowitz gleichen in Hülle der Merkwürdigen, als hätten sie nie etwas anderes getan in den letzten 15 Jahren und ich kann ihm nur zustimmen, das passt wie angegossen.

Lautstärkeregler ganz weit nach oben in Richtung Anschlag, die Nebelmaschinen laufen auf Hochtouren und der größte Teil des Sets wird vorangetrieben von einer ungeheuren Geschwindigkeit, die mich doch hin und wieder 30 Sekunden aufhorchen ließ, welcher Song denn gerade gespielt wird. Liegt es an der gewählten Lautstärke, dem hohen Tempo, vielleicht zeigt sich eine Mischung aus beiden Faktoren dafür verantwortlich, dass meine vorausschauend mit Ohrenschutz ausstaffierten Hörorgane ab und an. Ich habe nicht gerade mitgezählt, wie oft ein Großteil der gespielten A Place To Bury Strangers-Songs durch meine Gehörgänge schossen, aber dem hohen Tempo geschuldet bemerkte ich doch hin und wieder, dass es nicht sofort Klick machte welcher Track nun lief. Eine Setlist zu erhaschen stellte sich als erfolglos heraus und auf dem Heimweg brachte ich dann die Reihenfolge der gespielten Songs durcheinander, aber die munter gesteckte Auswahl reichte angefangen bei I Lost You, Dead Beat und In Your Heart, wechselte in Richtung des neueren End Of The Night und I Dissapear. Natürlich liegt der Fokus auf den letzten beiden Veröffentlichungen aber zu Tracks wie Hold On Tight oder Let’s See Each Other kannst du einfach nichts sagen.

A Place To Bury Strangers | (c) Nico Pfüller

Das zahlreich zu Hunderten erschienene Publikum setzt die eigenen Energien in Körperschweiß, literweise um und es gibt auch ausgelassene Pogo-Gruppierungen.

Dazwischen reihen sich You Are The One vom Album Worship und I Lived My Life In The Shadow Of Your Heart ein, wobei letzteres immer in einer komplett ausufernden Session endet. Schon vor dem Release der Transfixation LP 2014, schoben die „Strangers“ einmal mehr zwanzig Minuten Backlines in ihre Setlist bei denen sie entfernt von der eigentlichen Bühne, mitten im Publikum auftauchten um aus dem Hinterhalt heraus ein weiteres Soundsystem in Beschlag zu nehmen und dem verdutzten Publikum ihre Kinnladen mit improvisiert klingenden Tracks sich selbst freien Lauf zu lassen. Hin und wieder tauschten die Musiker:innen zusätzlich ihre Instrumente dabei untereinander aus. Dieser AHA-Effekt gestaltet die Krönung perfekt und gehört seit Jahren zum festen Inventar ihrer Auftritte.

Auch in dieser noch kalten Nacht kletterten die drei Off The Stage in Richtung des vollkommen verschwitzten Mobs, allen eine kurze Atempause gönnend, wobei Nichtsahnende mit ihrer persönlichen Überraschung quasi überrascht wurden.

I Might Have schlägt sich eine Schneise durch die Nebel verhangenen Bühnenabschnitte, dafür tingelt Playing The Part über die schon in Mitleidenschaft gezogenen Gitarren- und Basssaiten, dabei wollen sie nur sagen, alles wird gut. Ego Death sowie So Far Away, zu den ultimativen Tracks gehörend werden nicht vergessen und der zwei Songs beinhaltenden Zugabe ist im Loch alles aus, die Nebelmaschinen haben ihr Pulver verschossen. Meine Augen zeigen sich nun etwas mitgenommen nach 90 Minuten Stroboskop-Lichtblitzen, da bringen die kurzen Wortwechsel mit Sandra und Oliver positive Entspannung bevor das Security-Team uns des Feldes verweist und vor die Tür setzt.

Fazit: Ein schier unerschöpfliches Energiepotenzial, gut gelaunt aufspielende Bandmitglieder verbreiten eine Menge Fun, aber zwei meiner Lieblingssongs vermisste ich dann doch in der Karriere umspannenden Tracklist zu denen das einführend ausführlich besprochene I Need You zählt. Der Umstand das für meinen Geschmack etwas sehr auf die Taste der grellen Lichteffekte gedrückt und der fast konstant auf dem Gaspedal hängende Fuß, schmählern ganz minimal ein tolles Konzert der Merkwürdigen.

A Place To Bury Strangers | (c) Nico Pfüller

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