Die absolute Gefälligkeit ist keine Schande – ein wirklich schönes Gitarrenpopalbum aus Irland

Ich weiß ja nicht, wie’s euch geht, aber ich habe bis dato noch nie etwas von „The Riptide Movement“ gehört. Dabei hatte die Band ein Album mit Goldstatus und das aktuelle war unter den Top 5 der Albumcharts… allerdings: in Irland! Aha, na gut, das dauert natürlich eine Weile, bis ein musikalisches Phänomen wie dieses seine Insel verlässt und auf dem Festland einschlägt. Bei „Ghosts“ handelt es sich um ein lupenreines Rock/Pop Album, eingespielt in mehr oder minder klassischer Besetzung unter Verwendung von Gitarren, Bass, Schlagzeug, Klavier, Drums, Percussion und Harmonika, unter Zuhilfenahme von etwas unnötigem Pomp und Pathos.

„In A Heartbeat“ beginnt treibend und stimmungsvoll, poppig und spannungsgeladen. Bereits bei den ersten Tönen wird eine gewisse Ähnlichkeit zu den Landsleuten und Stadiongitarrenrockern mit dem kurzen Bandnamen und dem ständig weltverbessernden Frontmann deutlich. Nur natürlich nicht so aufgeblasen, sondern etwas eher auf dem Teppich belassen. Der Chorus beinhaltet eine coole Melodie, die denen in den geläufigen Stücken zeitgenössischer Popmusik recht ähnlich ist, was aber nicht wirklich stört. Der Songs unterliegt einer stetigen Steigerung, sogar die Gitarren werden angezerrt, das passt schon alles recht zu zusammen. „Changeling“, die erste Single, erinnert mit ihrem verrückten Klavier ein wenig an die Strokes und deren Verbreitung guter Laune. Achtet man auf die Aussprache des Sängers, merkt man schon auch, dass die Band aus Irland kommt, was hier aber durchaus sympathisch rüberkommt. Der hymnenhafte Chorus wird noch durch Chöre im Hintergrund aufgewertet und wirkt dadurch frisch und unbeschwert. Sollte man einen Song erwählen, der zum Kennenlernen der Band dienen soll, dieser wäre perfekt dafür gemacht. Schwebende Gitarren, viel Stimmung und ein drückender Beat, der scheint als sei er für ein härteres Stück bestimmt, zeichnet „Arcadia“ aus. Der typische, höchst gefällige Sound der Band wird hier erneut zelebriert und langsam wünscht man sich vielleicht ein paar mehr Ecken und Kanten in Form von mehrstimmigem Gesang, einem feinen Solo oder ähnlichem. Zum Schluss wird tatsächlich noch etwas Druck aufgebaut und somit auf „Elephant in the room“, einem der stärksten Stücke des Albums, hingeleitet. Her steckt in der Tat gut Laune drin! Während die Gitarre die Gesangsmelodie verstärkt, indem sie die Noten mitspielt, laden uns sonnige „Ooooh la las“ im Hintergrund zur Strandparty ein. Kann man sich wirklich gut gefallen lassen. Die wirklichen Stärken von „The Riptide Movement“ kommen erst mit „Turn on the lights“ zutage und liegen sehr eindeutig in den ruhigeren Stücken. Diese wirklich schöne Ballade wirkt absichtlich unrund und unperfekt aufgezogen, die Takte wechseln zwischendurch, eine Akustikgitarre darf mitmischen. Vielleicht hätte man insgesamt etwas weniger glätten sollen, um ein natürlicheres Ergebnis zu erhalten. „Skull And Crossbones“ erinnert unangenehmer Weise an den schwedischen Tellerdreher Avicii und seine eher einfache Musik, das hätte man sich mitsamt dem Synthiegebimmel im Hintergrund lieber mal gespart. Total schade, ohne diese pappsüßen Popsprenkel wäre das ein super Song! Dafür kommt das träumerisch-psychedelische „Ghost“ mit seiner wunderbaren Melodie und den „Love-Hurts-Gitarren“ wieder deutlich besser und vor allem echter rüber und ich könnte mir vorstellen, dass das Ganze live augenblicklich zündet. „Powerkick“ ist die zweite, nicht weniger großartige Ballade, die wieder dezent an die lichten Momente der vorher genannten Stadionrocker (Ich werde sie namentlich nicht nennen. Man munkelt, wenn du den Namen des Sängers dreimal vor dem Spiegel stehend sagst, erscheint er und spendet deine inneren Organe an die Armen. Achtung Baby!). Klar, da wurde auch schon ein bisschen geplustert und aufgebauscht, aber allen in allem ist das einfach nur ein toller Song! „Our Time“ scheint eine Reminiszenz an die Popmusik der 1980er Jahre zu sein, oder wenigstens klingt er arg danach. Synths, Klavier und leicht verzerrter Gitarrensound und ganz leiste Bläser, dazu noch die wirklich angenehme Stimme des Sängers, da gibt es auch nichts auszusetzen, das ist poppig und macht Spaß! Die feinfühlige Folkakustikballade „Furry Lewis“ ist das herausragendste Stück der albuminternen Balladentrilogie und sorgt mit seinem leisen Snaremarch und dem in den fernen Hintergrund gemischten Drums für eine angenehme Gänsehaut! Den von etwas härterem Drumbeats unterlegten Pianopopper „That’s my life“ nehmen wir jetzt mal als für das Album typisch zur Kenntnis und beschäftigen uns mit dem letzten Song namens „I could have loved you“, der als moderner Irish-Folk-Song zu sehen ist und die letzten Momente des Albums noch mal ins Positive rettet. Die Herren sind aus Irland, das kann man verdammt noch mal auch gerne hören! Typisches Folkinstrumentarium fehlt hier zwar bis auf die Whistle, aber die Stimmung ist ganz eindeutig! Etwas mehr davon hätte dem ein oder anderen Song vorher richtig gutgetan!

Von der physischen Seite gibt es überhaupt nichts zu bemängeln. Das Vinyl ist schwer, sauber und gerade und steckt in einem wirklich hochwertigen Gatefold-Sleeve. Dazu kommt ein tolles Lyricsheet in Posterform!

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