Kalmia Traver (Gesang/Saxofon) und Alex Toth (Gesang/Trompete) aus New York beschlossen 2015 direkt im Anschluss einer kraftraubenden Tour ihrer Band Rubblebucket, ihr fünftes Album aufzunehmen.

Vö: 24.08.2018

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Zum Zeitpunkt dieser Entscheidung befanden sich Traver und Toth in einer mehrjährigen Beziehung. Traver bat Toth – als eine Art Experiment – während der Aufnahmen aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Nur einen Monat später nahm sie Toths Heiratsantrag an. Ihr jetzt Verlobter zog also wieder ein, was die beiden verrückten Musiker trotzdem nicht vor der endgültigen Trennung bewahrte. Als Erinnerung an die Beziehung ließen sie sich schließlich ein Gänseblümchen-Pärchen-Tattoo stechen und beschlossen, Freunde zu bleiben. Nebenbei besiegte Kalmia Traver mit Hilfe von Chemo-Therapie und mehreren Operationen ihren Eierstockkrebs, der während einer Rubblebucket-Tour bei ihr diagnostiziert wurde. Alex Toth überwand seine jahrelange Alkoholsucht.

Warum dieser ganze private und sehr persönliche Kladderadatsch so wichtig ist? Weil Rubblebucket drei Jahre später immer noch existieren und nach all diesen Schicksalsschlägen immer noch Kraft genug besitzen, das besagte Album „Sun Machine“ fertig zu stellen, das am 24. August 2018 über das Label So Sensation erschien. Statt für ein komplettes Wochenende mit Jugendfreunden in einen Freizeitpark zu fahren, arbeiteten Rubblebucket ihre Trennung und persönlichen Probleme mit Hilfe von wahnsinnig aufregender Musik auf. Die lange Beziehung mit all ihren erleuchtenden wie zerfressenden Momenten zieht sich dabei als roter Faden durch die Texte des Albums.

Musikalisch weicht „Sun Machine“ kaum vom Erfolgsgeheimnis der Vorgängeralben ab. Wir haben es hier mit groovig-tanzbarem Hipster-Indie-Pop à la Port o’Brien, Tune-Yards, Royal Bangs oder den britischen Twisted Charm zu tun. „Reflektor“ von Arcade Fire kann auch als Referenz herhalten. Immerhin traten Traver und Toth 2014 als „The Reflektors“ zum damaligen Arcade Fire Album beim sagenumwobenen Glastonbury Festival auf. Funk, Jazz, 60’s Pop, Electro, Indie Rock und weitere Stile werden von Rubblebucket gekonnt in einen Topf geworfen und gefühlvoll umgerührt. Trotz der Unmenge an Einflüssen und verschiedenen Stile bleibt „Sun Machine“ immer eingängig, immer tanzbar.

Mit „What Life Is“ eröffnet einer der stärksten Songs das Album. Eine simple Gitarrenmelodie und ein paar Bläser leiten Travers lasziven und verführerischen Gesang ein, bevor sich der für Rubblebucket typische funky Groove voll entfaltet. Textlich sind wir hier schon sehr nah am Seelenheil bzw. Seelenunheil der Sängerin. Menschen in Berlin werden annähernd den Struggle nachempfinden können, über den die New Yorkerin berichtet:

Sometimes life in New York is tough when you can’t find love
To keep your human heart through it all makes you a special person.
Wish there was space to go, nobody has to know.
Windows are nice that way, i will not jump today.

Nachdem das ein für alle Mal klargestellt ist, bricht der Song krachend in sich zusammen. Es kommt zu einer wilden Kakophonie verschiedener Instrumente, hauptsächlich der Blasinstrumente, die klar machen: Schon wieder einen Tag überlebt.

„Lemonade“ hebt sich ein wenig aus dem musikalischen Grundspektrum ab, ist etwas ruhiger und weniger mitreißend. Traver bringt hier einen Sprechgesangs-Part ein, der den Song auflockert. Langweilig ist es in Rubblebucket-Stücken ohnehin nie. Immer wabert, pluckert und blubbert etwas vor sich hin. Vor allem die Jazz-Grundausbildung von Traver und Toth kämpft sich fast in jedem Song in Form von schrägen Solo-Einlagen einzelner Instrumente an die musikalische Oberfläche. „Lemonade“ hat beispielsweise zum Ende des Songs ein Trompeten-Solo zu bieten, bei dem ich aufpassen muss, dass ich im Anschluss nicht heimlich applaudiere, während ich den Song auf Kopfhörern in der U-Bahn höre.

„Party Like Your Heart Hurts“ ist die Hymne für all diejenigen, die ihren Herzschmerz auf dem versifften Holzfußboden ihrer Lieblings-Indie-Disko abzustreifen versuchen. „Party like your heart hurts, Party like your heart hurts, Party like it doesn’t work, Party like it means well, Party like it won’t melt“. Der Refrain könnte genauso auch von den 2000er Yeah Yeah Yeahs stammen.

Egal wie abstrakt und lyrisch die Lyrics auf „Sun Machine“ auch werden, es lässt sich mit der Story der beiden Frontmusiker immer ein Bezug zum Persönlichen ausmachen. Rührender als in „Fruity“ lassen sich die Gedankenspiele am Ende einer Beziehung zum Beispiel kaum ausdrücken:

I promised that we’d swim in rivers
On mountains with nobody on em
I gazed at your face for too long until my own was gone
I promised that we’d ride the golden blanket to heaven
I’m sorry, Fruity, I must just find the earth again.

Mit „Fruity“ und „Formless and New“ geht es noch mal in die Vollen, bevor der musikalische Fluss des Albums vom ersten der drei Spoken-Word-Interludes unterbrochen wird. „AURATALK“, „HURTALK“ und „VANTALK“ wirken wie die Aufzeichnungen von bekifften Gesprächen unter Freunden am Lagerfeuer. Während „AURATALK“ und „HURTALK“ pseudo-philosophischer Deeptalk über die Begriffe „Aura“ und „Hurt“ zu sein scheinen, ist „VANTALK“ einfach nur ein dümmliches kleines Sprichwort, das vor- und rückwärts zitiert wird und in ein albernes Gelächter ausbricht. Auch diese kleineren Auflockerungs-Parts zum Ende des Albums sorgen dafür, dass Rubblebucket ihren Hörerinnen und Hörern auf Knopfdruck die Sonne ins Gesicht zaubern, genau wie es der Titel „Sun Machine“ verspricht.

„Inner Cry“ ist noch mal ein stampfender Lovesong, einer für die Phase des Sich-gerade-Kennenlernens, des Nicht-drüber-Nachdenkens. „You look pretty nice, even when you’re out of your mind, especially when you’re out of your mind.“ Wenn ihr das nächste Mal vorhabt, heimlich das Auto eurer Eltern zu entführen und damit spontan ans Meer zu fahren: „Inner Cry“ von Rubblebucket ist der passende Soundtrack!

„Sun Machine“ von Rubblebucket dient also als strahlendes Beispiel dafür, dass persönliche Konflikte oft beeindruckende Kunstwerke erschaffen. Mit dem Album ersetzt die Band dann doch noch den dringend nötigen Ausflug in den Freizeitpark. All der Alltagsstress bleibt draußen. Wenigstens für die Länge des Albums. Wenigstens für diese 41 Minuten. Wem davon noch nicht schwindelig genug ist, der kann ja noch mal ins Karussell einsteigen. Die nächste Runde geht rückwärts.

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