Zeit ist relativ.

Für die einen ist seit letztem Frühjahr ein Jahrhundert vergangen. Für die anderen ein Augenblick. Alltage verschwimmen und rasen vor sich hin, ekstatische Ausbrüche wie Konzerte oder Festivals werden zu verblassenden, erst stark vermissten, dann irgendwann fast vergessenen Erinnerungen. Warum nicht ein Album, das 12 Jahre alt ist, veröffentlichen? Die Aufnahme einer Performance, eines Klavierspiels, Zeitreise und zeitlos, längst nicht mehr Teil von Nils Frahms künstlerischem Streben und doch Fundament.

Nils Frahm | (c) Sebastian Rieck
Nils Frahm | (c) Rieck

Es ist 2009. Frahm schließt sein Studium an der MUMUTH, der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz, mit einer Abschlussarbeit: Conversations for Piano and Room. Die Aufnahmen macht Frahm zusammen mit Thomas Geiger, sie sollen auch die erste Veröffentlichung auf Erased Tapes werden. Doch alles kam anders, Wintermusik und The Bells werden die ersten Frahm-Alben auf dem Label, irgendwie passt es nie in den Jahren danach, die Aufnahmen aus Graz zu veröffentlichen. Nun ist die Zeit stehen geblieben – keine kräftezehrenden Tourneen, keine wochenlangen Promo-Marathons, Zeit im Studio, Zeit zum Luftholen, Zeit.

Nils Frahm hat sich den Aufnahmen von 2009 wieder geöffnet und lässt uns teilhaben.

Mit O I End im Februar dieses Jahres und dann About Coming and Leaving hatte es schon zwei Stücke als Single-Veröffentlichungen gegeben, die man so gar nicht in Frahms letzte Arbeiten einordnen konnte. Melancholie, Sehnsucht, Insichgekehrtsein – alles schon da auf Graz. Das Zarte, Sanfte, wo jedes Stuhlknacksen, jeder Notenanschlag bedeutungsschwanger ist, das muss man im Vergleich zu den letzten Werken auf Graz tatsächlich etwas suchen. Verspielter, „akkordiger“ kommt das Album daher.

Auf dem Flügel in Graz erzählt Nils Frahm uns über neun Stücke hinweg. Gleichzeitig zugänglicher und irgendwie weniger intim ist das Album geworden. Wie oft sind es die langen Stücke mit den großen Bögen, in diesem Fall Kurzum und Crossings, in denen Frahms Klavierspiel am stärksten wirkt. Auch bei And Om ist es die Dynamik, der Aufbau über fünf Minuten, der hier Zeit hat seinen Sog zu entwickeln. Auf vielen der kürzeren Stücke, Lighter, Hammers mit Gastsänger Peter Broderick und About Coming and Leaving fällt es für Frahm’sche Verhältnisse ungewöhnlich schwer, diese sonst so direkte Verbindung aufzubauen. Auch Abschlussstück Went Missing mäandert stellenweise seltsam belanglos vor sich hin.

Graz ist nicht richtig Nils Frahm, nicht richtig Filmscore, nicht richtig Kaffeewerbung. Diese Inkonsequenz ist am Ende das, was das Album nicht die gleiche Wucht haben lässt, wie die letzten Werke, mit denen uns Frahm in den letzten 5 Jahren verwöhnt hat.

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