Zweigeteiltes, gekonnt ambivalent angelegtes Album zwischen Gitarrenpop und Post-Rock – Das bisher stärkste Werk der Hamburger Post-Rocker.

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Vö: 19.05.2017

Kapitän Platte

„Batteri“ von Nihiling besteht, wie man es aufgrund des Titels schon vermuten könnte, aus einem Minus- und einem Pluspol. Wie bei der namensgebenden Speicherzelle fließt die Energie zwischen den beiden Polen hin und her, wenn man sie mit einem Leiter verbindet. Der Leiter bin in diesem Fall ich.

Die vier Songs, auf der der ersten LP (Pluspol) sind unwahrscheinlich eingängige Popnummern, etwa wie eben jene, die man bereits auf dem Vorgänger (s/t, 2014) genießen durfte. „Ottersong“ besticht gleich zu Anfang durch einen sanft aufrüttelnden Drumbeat und die einnehmende Stimme der Sängerin. Nach und nach werden psychedelische Klangelemente und weitere, männliche und weibliche Gesangsstimmen eingestreut, so dezent schleichend, dass man nicht einmal genau zu sagen vermag, wann die bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Gitarre ins Szenario platzt und die an allen Ecken aufblühenden Post-Rock Sprenkel fett unterstreicht. Dynamisch-sphärisch empfängt mich „Power Rangers“, verspielt und poppig, viel ausgereifter und größer als man es von Popmusik erwarten würde! Einzelne Parts, bestehend nur aus Drums und Bass oder gar nur aus den Stimmen der Sänger, sorgen für angenehme Aufregung, ein typisches Post-Rock Solo findet seinen Platz und ist für zukünftige Durchläufe unmöglich wieder wegzudenken. „Lungs“, eine astreine Dreampop-Nummer, trägt mich davon, die weibliche Stimmt haucht mir in die Ohren, bis eine manische Pianospur auftaucht und sich bis fast zum Schluss stoisch wiederholt. Trip-Hop Anklänge, jazzige Leads, vertraute Bar-Atmosphäre und ziemlich geiles Elektro-Gefrickel im Hintergrund machen „Rope“ zu einem überaus krönenden Abschluss des ersten Pols. Melancholie über endlose Weiten macht sich breit und ich bin damit einverstanden, dass wir langsam weite ziehen. Die sich dazu gesellenden Nintendo-Spielkonsolensounds machen mir klar, dass wir uns glücklicherweise nicht in der realen Welt befinden.

Die nächsten vier Songs der zweiten LP (Minuspol), sind vollkommen zweifelsfrei lupenreiner Post-Rock. Allerdings in einer Qualität, wie sie das manchmal etwas zu überladende Genre nur sehr selten zu bieten hat. „Prey“ nutzt hier das Element des langsamen Songaufbaus in einer bemerkenswerten Perfektion! Steigerung um Steigerung, ein plötzlicher Wechsel, eine andere Stimmung, man kann kaum etwas Anderes tun als einfach staunend zu zuhören. Wortloser Gesang, eine geisterhafte Erinnerung an den Pluspol, trägt mich sanft weiter. „Cellardoor“ beginnt ganz leise und vorsichtig. Ein Klavier, ein Cello, hintergründiges Klicken und Klacken gedämpfter Gitarrennoten. Es fühlt sich bald an wie der Soundtrack zu einem Film, dessen handelnden Person sicherlich kein Happy End vergönnt sein wird. Viel zu nachdenklich und traurig sind die Melodien und schaffen hier den stimmigsten Moment des ganzen Albums. Ein Gitarrenpart beginnt, es schwirren elektrische Möwen über mein Haupt, es riecht nach Meer. Eine Gitarrenwand wird aufgebaut und leitet hin zu nächsten Stück. Schwer, verzerrt, noisig holt mich „Idiot“ im Anschluss ab und zeigt mir mit viel Distortion die hässlichen und garstigen Seiten des gesamten Stücks, bis mich das vollkommen treffend betitelte „Funeral“ wissen lässt, dass wird das unvermeidbare Ende erreicht haben. Die Stimmung ist tieftraurig und ich bin es auch. Ich möchte zurück an den Anfang! Wenn die Reise schon nicht zu neuen Ufern weitergeht, dann möchte ich sie zumindest ein weiteres Mal erleben.

Während des gesamten Albums sehe ich die Sonne mehrfach auf- und wieder untergehen. Ich fühle mich wie ein winzig kleines Elementarteilchen in einem unfassbar großen Raum. Wie froh ich bin, dass ich dabei sein darf!

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