Fesselnder, mystischer Trip aus den kulturhistorischen Tiefen Dänemarks.

Vö: 20.03.2020 Relapse Records LP kaufen

Als Amalie Bruun 2014 unter dem Namen Myrkur ihre Version des meist garstig gehaltenen Black Metals auf die Hörerschaft los ließ, befand sich das Genre bereits inmitten einer Art Renaissance. Die Akteure waren längst nicht mehr wie umhergeisternde Leichen geschminkt und es traten immer mehr interessante Subgenres der Spielart zutage. Unter anderem eine spannende Mischung als Black Metal und Shoegaze, der sogenannte Blackgaze, unter dessen Banner man auch die Musik der Frau Bruun stellen konnte. Besonders an den Alben der hübschen Dänin war zum einen die stets spürbare Verwurzelung in der Skandinavischen Folkmusik, zum anderen aber die unwahrscheinlich einnehmende Stimme der Sängerin, die immer von heiserem Keifen zu engelsgleichem Gesang wechselte. 

Wer vom aktuellen Werk Folkesange eine Wiederholung oder Steigerung zum bisherigen Werk erwartet, wird sich umgucken. Jegliches Kratzen, jeglicher Rock, jegliche klassischen Metalttrademarks sind komplett unauffindbar. Hier herrscht Reduktion auf das Wesentliche, das heißt auf Klavier, Gitarre, Streicher, Mandola, dezente Percussion und das wahnsinnig präsente Organ Bruuns. Der krasse Stilwechsel erinnert mich an ULVER und deren Ausflug in folkige Gefilde (Kveldssanger, 1994), was auch kaum zu weit hergeholt scheint, da deren Mastermind Kristoffer Rygg schon ein Myrkur Album produzierte. Ähnlich wie bei den Norwegern kann man sich hier verzerrte Gitarren spielend dazudenken, ja, vermag sie sogar fast im Hintergrund zu hören. Dieser Geniestreich, ein akustisches Album aufzunehmen, dass trotzdem irgendwie wie ein Metalalbum wirkt, gelingt sicherlich den wenigsten. 

Die Songs auf Folkesanger sind bis auf zwei Ausnahmen auf Dänisch verfasst und auch wenn man der Sprache nicht mächtig ist, behaupte ich, dass man in einigen Fällen hört, worum es in den Stücken geht. Aus der Pressemitteilung lässt sich entnehmen, dass hier die Dänische Edda gerne bedient wird und das bin ich gerne bereit zu glauben. Die Stücke wirken in den meisten Fällen mitteralterlich, allerdings etwa 8.000 mal authentischer als der Schund den diese Mainstream-Elfen aus den TV-Werbeeinspielern unter Volk zu bringen versuchen. Meist ist ein Klavier oder eine akustische Gitarre die Basis, auf der die Songs aufgebaut werden. Vielstimmige Streicherarrangements umspielen die Stimme der Sängerin, die an den wichtigen Stellen auch harmonisch vervielfacht wird.  

Folkesange ist kein Album zum nebenher hören. Erstens wird man bereits in den ersten Sekunden so von der mystischen Stimmung hypnotisiert, dass man kaum etwas anderes machen kann, zweitens reißen den Hörer bewusst eingebaute Dissonanzen oder treibende Paukenschläge aus der Unaufmerksamkeit. Das ganze Album ist eine einzige, unglaubliche Melodie, voller Zauber und Anspruch. Man meint immer mal wieder, dass einem eines der Themen bekannt vorkommt, ist aber kaum in der Lage auch nur einen Teil davon im Kopf zu wiederholen. 

Beim mysteriösen Svea kann man förmlich in der Ferne Feuer brennen hören, beim unglaublich intensiven, nach einer Burton/Elfman-Zusammenarbeit klingende Vinter fast buchstäblich den Schnee fallen hören. Die beiden auf Englisch vorgetragenen Stücke Leaves Of Yggrasil und House Carpenter sind auch musikalisch die zugänglichsten Stücke und beide in sich so wertvoll wie ganze Alben anderer. Die möglicherweise stärksten Stücke sind Harpens Kraft, das klingt wie ein mystisches Zwiegespräch einiger singender Naturgeister, wobei die Streicher so viel Masse erzeugen, dass sie beinahe schon als Gitarrenriffs durchgehen und das drone-angehauchte Gammelkäring, bei dem die Stimme Bruuns ausgelassen über kaum greifbare Streicherparts tanzt. 

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