Und das Wasser des Lake Washington plätscherte durch die Bärte der Holzfäller…

Kunden, die MIGHTY OAKS kauften, kauften auch: Flanellhemden, Bartöl, einen guten Rasierer (denn das Naturburschen-Image soll bitte nicht zu natürlich wirken), Vintage-Instagramfilterpakete, Waldbackdrops für’s Fotostudio, ganz viele Mumford & Sons-CDs.

So oder so ähnlich werden vermutlich die Kaufempfehlungen auf dem Produzenten- und Labelbasar ausgesehen haben, als Vertigo / Universal sich Mighty Oaks in den Einkaufskorb legten – und die Begeisterung bei Lieferung wird groß gewesen sein: Die Amerikanisch-Italienisch-Britische Gruppe aus Berlin (natürlich Berlin, internationale Stadt und Bärte und so) trifft den Puls der Zeit und bietet ein Alternativprogramm zum vermeintlichen Charts-Einheitsbrei aus Viervierteltakt-Vodka-Energy-Samstagabenduntermalung und hat auch noch schöne Texte!

So oder so ähnlich wird das sicher geklungen haben, in einem ähnlichen Tonfall, in dem ich meiner Mutter gestern vor Jahren erklärt habe, wieso ich noch ein weiteres Videospiel brauche – „Sohn, du hast doch schon eins.“ „Aber das ist ganz anders!“ „Sowas hast du doch schon! Ist doch alles das gleiche.“ Letzten Endes hatte Muttern vielleicht recht. Besonders, da es sich in meinem Falle um Atari-2600-Spiele handelt.

Gut, dass das Musikgeschäft anders läuft, denn hier ist „Sowas hast du doch schon!“ eher ein Synonym für „Cool, noch mehr Geld!“ – denn wie sollte ich meiner Mutter erklären, dass ich neben Mumford & Sons nun auch Mighty Oaks gekauft habe? „Ist doch alles das gleiche.“

In der Tat ist die Ähnlichkeit zwischen Mumford & Sons und den Berlinern umwerfend. Als der Autor dieser Zeilen und ein weiterer PiN-Reporter durch Zufall Mitte letzten Jahres auf ein Yeahyeahyeahs– Shout Out Louds-Konzert verschlagen wurden, fanden sich als Vorband eben jene Mighty Oaks auf der Bühne. Nach der ersten Minute schaute man sich irritiert an: Mumford & Sons sind zu viert, sprechen kein deutsch und haben andere Bärte – diese drei Leute da auf der Bühne klingen aber ziemlich genau so, von der Stimme des Sängers Ian Hooper bis zu den ultranervigen Banjo-Eskapaden (die eigentlich von gar keinem Banjo stammen). „Na, irgendwie ist das nicht so das wahre. Wird sich nicht durchsetzen.“

Knapp ein Dreivierteljahr später: Mighty Oaks sind in den Charts fett am Start. Die Deckungsgleichheit mit der aktuell erfolgreichsten aller „Folk“-Bands hat sich auf dem just releaseten Howl ein wenig zurückschrauben lassen, ist aber immer noch dominant vorhanden.

Nun aber genug von Ähnlichkeiten einer Band mit einer anderen Band des gleichen Genres. Es ist nur insofern prominent erwähnenswert, weil es eigentlich schade ist, dass der offensichtliche Versuch der Imitation eben so offensichtlich ist. Man nimmt Mighty Oaks den Spaß am eigenständigen Musikmachen ab, die Stücke sind durchaus nicht schlecht, aber leider: langweilig. Für sich genommen könnte nicht nur die Single Brother, sondern auch fast jeder der Songs auf Howl ganz gut wirken, auf einem Album wirkt das ganze aber zu repetetiv, zu sehr immer das gleiche. Da fängt ein Song mal leise an, mal variiert man den Rhythmus ein bisschen, mal ist ein Song beschwingter als der andere, aber insgesamt ist es das gleiche Schema mit den gleichen Instrumenten, den gleichen durchaus guten Texten mit dem gleichen Gesangsstil. Auch das aufgedrückte international-Naturebursche-image hinterlässt einen irgendwie schalen Geschmack im Mundraum: Zwar kommt Ian Hooper ganz grob aus der Gegend, aber wieso braucht eine in Deutschland gegründete Band, deren restliche Mitglieder aus England und Italien kommen ein Image, als würden sie alle jeden morgen im Lake Washington baden, um dann den ganzen Tag ihre Bärte zu pflegen, anstatt zum Holzhacken zu fahren? (Okay, zugegeben, würde man dieses Image in den Bairischen Wald transportieren, wäre das nun auch nicht das wahre.)

Wenn da mehr Individualität und weniger Abziehbild, mehr musikalische Orientierungspunkte zu finden wäre, hätte Howl das Zeug zu einem eigentlich ganz passablen Album, das tatsächlich ein wenig mehr ist als Samstagabenduntermalung. Bei einigen Passagen erwischt man sich durchaus beim träumen und mitgehen. Das hätte ruhig weiter gefasst und ausgebaut werden können. So denkt man sich aber nicht nur im Vergleich zwischen Mighty Oaks mit Mumford & Sons, sondern auch zwischen Mighty Oaks und Mighty Oaks: „Sowas hast du doch schon! Ist doch alles das gleiche.“

1. Brother
2. Seven days
3. Back to you
4. When I dream, I see
5. Just one day
6. Shells
7. You saved my soul
8. The golden road
9. Captain’s hill
10. Courtyard Berlin
11. Horse
12. Howl

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