„I never meant to throw your computer out of the window”: Dieser Satz bleibt schon nach dem ersten Hören vom neuen Album von Meat Wave, „Delusion Moon” in Erinnerung.

Genauso wie die Energie, die Schnelligkeit und den leichten Eindruck, überfallen worden zu sein. Denn, man sollte nicht unvorsichtig an das zweite Album des Trios aus Chicago herangehen. 13 Songs in 40 Minuten. Trotz der Kürze ist Meat Wave – „Delusion Moon“ ein komplexes Werk, das Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Denn diese Eindrücke vom ersten Anlauf verändern sich. Chris Sutter (Vocals/Gitarre), Joe Gac (Bass) und Ryan Wizniak (Schlagzeug) schaffen es, Noise-/Garagenrock mit eingängigen Melodien, Rotzigkeit mit Komplexität, Dissonanzen mit Schnelligkeit zu verbinden. Meat Wave machen keine Hintergrund-Musik, das Album soll man sich mehrmals anhören, bis es seinen Wert komplett entfaltet.

Nach ihrem knappen, stärker am Punk orientierten Debüt im Jahr 2013, will der Nachfolger und deutlich besser produzierte „Delusion Moon“ – immer auf Side One Dummy – ein Konzeptalbum sein. Die thematische Klammer stellen dabei die verschiedenen Mondphasen und die einst verbundenen Krankheiten dar. Doch dieses Konzept hört man eher nicht raus und man vergisst es schnell bei der Wucht der Songs.

Der Opener „Delusion Moon” ist ein LoFi-Punk-Heulen an den Mond. Ein fast strukturloser Song, oder eher ein Prolog, der sich von den anderen Tracks deutlich differenziert, doch die Zutaten des Albums schon vorstellt: hämmernde Drums, noisige Gitarre, rauer hymnischer Gesang. Über Online-Dating singt Chris Sutter in „Network“, das mit einer schnellen und fesselnden Bassline sowie Sägezahn-Gitarre und Grunge-Einflüssen mitreißt.

„Sunlight“ (schon erschienen zusammen mit „Sham King“ auf der EP „Brothers“) ist zweifelsohne ein Höhepunkt des Albums. Wunderschön ist das Intro mit Drums und Bass, das einen dunklen Kontrast bildet zu dem Bild vom Sonnenlicht des Titels. Der langgezogene Gesang erinnert an Die! Die! Die! – wenn auch Chris Sutter beim Singen nicht so sehr leidet wie Andrew Wilson. Der Song ist auch Beispiel dafür, wie Meat Wave Spannung bilden können. Es beginnt gedämpft und baut sich zu einem Crescendo der knisternden Gitarren auf. Das Noise-Punk-Riff brandet immer wieder auf, verschwindet teilweise, um Platz für Lo-Fi-Klänge zu machen, um sich schließlich wieder aus dem Dickicht zu schälen. Ein anderer Höhepunkt auf dem Album ist „Reunion“, der etwas zärtlicher klingt. Der Bass ist wie immer stark und außerordentlich gut, Chris Sutter klingt fast emo-süß bei dem Wiederholen des Wortes „reunion“.

Meat Wave spielen ihre Songs gerne hektisch und dreckig in drei Minuten durch. Manchmal gehen sie aber auch Umwege, im schleppenden „Witchcraft” zum Beispiel. Ein linearer Song, wo wieder der Bass herausragt und mit einem wilden Ausstieg endet. Ein Hauch von den ersten Arctic Monkeys ist hier, wie auch im „Sham King“, zu hören. „The Gay Contempt“ schließt dann das Album ab. Der Song, der eine Stimmung wie im Zirkus evoziert, hat etwas verspieltes, das an Primus erinnert.

Mit „Delusion Moon“ haben Meat Wave aus Chicago ein Album geschaffen, das keine Pause einlegt. Es ist geladen mit rumpelnden Rhythmen, mit Wucht, mit Beißen und Bellen. Doch diese Energie ist nicht so direkt, wie man vermuten könnte. Das Album will wieder und wieder gehört werden und immer wieder ist eine neue Stimmung, ein neues Detail zu entdecken. Was man sich noch mehr wünscht, ist etwas mehr Verzweiflung in der Stimme, deswegen die 7,5 Punkte. Der Gesang klingt gut und passend, doch teilweise fehlt es an Rauigkeit. Doch kann man sich mit den kratzigen Gitarren trösten.