Tvivler veröffentlichen über Fysisk Format ihre zweite Langrille, Kilogram.

Wenn du dich wie Thomas Feltheim, ehemaliger Gitarrist bei Children Of Fall seit 20 Jahren plus mit der hiesigen und internationalen Hardcore-Punk-Szene beschäftigst, durch ihre positiven und negativen Auswüchse konfrontiert und beeinflusst wirst, lassen sich doch etliche Gemeinsamkeiten erkennen und in Stein meißeln. Die vielfältigen Szenerien von Hardcore und Punk existieren seit mehr als 40 Jahren, intern gespaltene Identitätspolitik gibt zwar Raum zur Entfaltung, aber oft entstehen Barrieren und Reibungspunkte, die sich eher hinderlich als hilfreich positionieren um gemeinsam in Richtung wichtiger Ziele die nötigen Tastenkombinationen zu drücken. An vielen Ecken wird dann die auf Veränderung bedachte Vorstellung des Punk zu einer oberflächlich aufsteigenden, bürgerlichen Blase degradiert, die über Szene-interne Nichtigkeiten philosophiert, durch aufgebaute Dogmen sich gern selbst ein Bein stellt und vermehrt von Beiwerk definiert wird. In Folge entstehen verwässerte Abziehbilder die eben jene Strukturen aufzeigen mit denen wir eigentlich nichts mehr zu tun haben wollten.

Es spielt also keine Rolle ob du in Kopenhagen, Berlin, Seattle oder auch London lebst, völlig egal du fällst irgendwann in ein Becken der Ermüdung. Nun hat die Covid19-Pandemie, wie Sänger Thomas Buro erklärte, einige der Mechanismen unserer Gesellschaft aufgezeigt, zu denen auch die Rolle von Kultur und Kunst gehört. Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen zählen aktuell oft zu den Ärmsten in unserer Mitte, unregelmäßige Gelder, abgesagte Veranstaltungen zehren immens an der Substanz und lassen keine großen Sprünge zu. Den Ausnahmezustand, die ungewollte Pause, ein Verbote von allem was hierbei an Einnahmequellen dienen könnte, nutzten Tvivler intelligent und hauen euch 2,20 Pfund schweren Noise-Rock-Chaos-Punk vor den Latz, dessen Präzision Das Schwert von Ätte vor Ehrfurcht, porös erblassen lässt.

Ein für Michael Strunge Som Neoliberal aus Violinen und Dronen geschmiedetes Intro erwischt uns auf dem falschen Fuß, die Percussions setzen sich tuckernd auf dessen etwas neoliberalem Weg nach der Richtigkeit seines Handelns suchend in Bewegung und Thomas nutzt die Weiten seiner Worte, getragen auf den Dissonanzen erzeugenden Gitarrenmelodien, fragend jene andersdenkende Option zu verstehen. Das typische Südstaaten-Noise-Rock-Feeling der aus Louisville, Kentucky operierenden Young Widows schwingt dermaßen Kalorien verbrennend mit, dass die Gitter jedes Orange-Verstärkers sofort anfangen zu vibrieren, wie es das Auge nicht jeden Tag in den Mittelpunkt bekommt.

Song zwei und drei kreischen vertrackt und aggressiv, setzen dennoch rockigere Akzente frei, tauchen in die sich freischaufelnden Hart-Weich-Gefühlswelten aus der dänischen Schmiede ein und benötigen dafür nur die Hälfte der Spielzeit.

Mænd der hader dyr stürzt katatonisch, ohne sich Tempomäßig fortzubewegen fast in den Ruhestand den die Musiker minimalistisch ausnutzen und eiskalt ihre Tonzeichen im Raum stehen lassen. Dieser Zustand bleibt wie „Ein Fels in der Brandung“ bis in die letzte Sekunde aufrechterhalten und die Spannung steigt ins Unermessliche. Nach einem Drone-No-Wave-Interlude namens Är 529 schalten die vier zurück und erinnern etwas an progressivere Tracks von Buffalos Hardcore-Flagschiff Snapcase, nur eben mit dänischen Gesang abgerundet. Einige der ausufernden Gitarrenschübe zitieren, wenn denn melodische Akzente gesetzt sind, die Melodramatik der schwedischen Children Of Fall und stellen zusätzliche Déjà-vus sicher.

Zwei Minuten lang scheint danach fast alles unkontrolliert und chaotisch aus dem Ruder zu laufen, unsere Ohrmuscheln vernehmen die Hälfte des Liedes vereinzelt kaum einen gespielten Klang der Instrumente, denn der heisere, sich fast überschlagende Gesang lässt seinen Emotionen freien Lauf und abschließend knüppeln alle Musiker die verbleibenden Sekunden drauf los, ohne zurückzublicken und überholen The Slayer von Refused bis zum Morgengrauen. Jeg Bor Her Jo Bare nennt sich diese dänische Delikatesse, die vom Leben in Kopenhagen berichtet und eine Menge Fragen und Gegensätze zum Vorschein bringt.

In Hohen Oktaven ächzen die Gitarrensaiten von Livsform På Tvangsauktion einfach „Straight from the Heart“ geradeaus, Bassist Morgen Nielson fordert mit vehement knallenden Tinkturen 1000 Tonnen Solidarität ein. Auf deutsch übersetzt: „Lebensform bei Zwangsversteigerung“, setzen sich die Dänen in den Lyrics mit der während der Pandemie oft fehlende, oder falsch eingesetzter Solidarität auseinander und in einem alles entladenden Breakdown scheppert Schlagzeuger Morten Clausen munter drauf los, ruft ein abgefahrenes Saxophon auf den Plan, bevor es jazzig mit Sprechgesang sogar kurzzeitig loungig wird. Gerade wenn dieses abgefahrene Sax einsetzt, rücken sich Sweep The Leg Johnny oder auch The Plot Tp Blow Up The Eiffel Tower in den Kontext. Beide, dem Math-Rock amerikanischer Prägung angehörenden Kapellen, integrierten völlig freidrehende Blasinstrumenten in ihren Songs um so eine schön sperrige Note hinzufügen zu können. Herrlich wie die Basslinien vereinzelt vor sich hin brabbeln, wie es sonst eigentlich nur noch Les Claypool von Primus auf die Reihe kriegt.

Leider wird mit Richard Rorty På Klinikken schon der letzte Track dieser intensiven „Tour de Force“ eingeleitet und ich höre Hinweise zu den Noise-Rockern The Jesus Lizard, die von 1987-1999 eine Schnittmenge aus atonalen Klängen wie dreckigem Blues und kratzbürstigen Punk-Riffs über die Konzertbühnen fegten.

Tvivler hatten Glück im Unglück, bekamen einerseits finanzielle Einbußen zu spüren, aber da alle vier normalen Tagesjobs nachgehen, blieben sie von existenziellen Nöten verschont.

Zu schräg für die Hardcore-Fraktion, zu viel Post-Hardcore um als lupenreiner Noise-Rock durchzulaufen, liegt genau in dieser Symbiose der Reiz dieses kleinen Klassikers, der knapp an der Platte des ersten Quartals vorbei manövrierte und allen die mit Helmet, Metz, Lack oder auch The Jesus Lizard etwas anfangen können, möchte ich diese neun Lieder besonders empfehlen.

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