KRITIK: Modern Days / Wohnbau – Split

KRITIK: Modern Days / Wohnbau – Split

Das Mainzer Label Katalog veröffentlicht heute eine Split EP auf der sich eine zeitgenössische Interpretation des Post Punks finden lässt: Die Gruppen Modern Days und Wohnbau präsentieren je vier, bisher unveröffentlichte, Stücke.

Neuer Anfang zeigt schon nach den ersten Sekunden wohin die klangliche Reise für die Hörer:innen auf der A-Seite hingehen wird. Modern Days, inzwischen Trio, eröffnen. Die Band veröffentlichte bisher nur ein DIY-Tape in einer 25er Auflage, damals noch zu viert und englischsprachig, auch musikalisch hat sich einiges getan. Auch wenn es zwischendurch ziemlich ruhig um die Band geworden ist, mit dieser Veröffentlichung zeigen sie, dass die bühnenabstinente Zeit mehr als zielführend genutzt wurde. Wenn wir kurz vergessen wollen, dass die vier Songs schon im Jahr 2018 aufgenommen wurden, eine Art Archivfund, dann steigt die Hoffnung nach mehr Präsenz. Oft ist die Rede davon, dass Musikerinnen einem totgespieltem Genre neuen Geist verleihen, nicht in Nostalgie verfallen oder eine höchstinteressante Neuinterpretation liefern, mindestens genauso oft werden solche Zeilen aus Promogründen und Sympathie getippt. Modern Days hingegen schaffen eine tatsächlich frische Symbiose aus Post-Punk, -Rock, Indie und avantgardistischen Einflüssen. Durch das gekonnte Ein- und Umsetzen von Tempo-, Melodie- und Harmoniewechseln fühlt man sich oft überrascht und trotzdem wohlig aufgehoben, erinnern die Songs an Sounds des letzten halben Jahrhunderts. Das Trio bewegt sich klanglich zwischen Bands wie Interpol und Messer, in anderen Momenten erinnert es an Blonde Redhead oder Radiohead, experimentellere Stellen an gezügelte Sonic Youth. Textlich behandelt Sänger und Bassist Roman Dobrovolny mit seiner markanten Stimme die Entfremdung des Subjekts in der verwalteten Welt und das Scheitern des Widerstands dagegen, Paul Kaspar wechselt an der Gitarre zwischen dissonant bohrenden Akkorden zu verträumten, teils orchestralen Melodien zu denen Christian Jabkowski vertrackt einladend und oft professionell improvisiert wirkend am Schlagzeug begleitet. Durch den neuen Mix und die Bearbeitung der schon fast fünf Jahre alten Stücke haben Modern Days einen in Form geschliffenen Juwelen des (deutschen) Post Punks veröffentlicht, der ohne Probleme in der Liga der großen Namen mitmischen könnte.

Die B Seite wird bespielt von der erst kürzlich gegründeten Band Wohnbau. Anfangs fühlt man sich zurückversetzt in die deutsche Art-Punk Szene der späten 80er und frühen 90er Jahre. Stoisch beginnt Machen Musik eigentlich und erinnert an Huah! oder auch die frühen Mutter oder Die Goldenen Zitronen, quasi wie eine gezähmte Version von Gewalt, ein wummernder Bass wird von minimalistisch aber bedrohlichen Gitarren gebrochen und der Sprechgesang von Thomas Bittel leiert unversöhnlich und unterkühlt, präsentiert die der eigenen Sprache fremdgewordenen Texte, durch die Möglichkeit des authentischen Ausdrucks. „Wohin mit all der Perfektion in der Reihenproduktion“ wird kritisch gefragt. Nach dem ersten Stück geht es ein wenig gemäßigter weiter und es wird klar, weshalb ausgerechnet diese beiden Bands die Entscheidung gefasst haben eine Split EP zu veröffentlichen. Musikalisch wäre wohl keine bessere Partnerschaft vorstellbar, bei Wohnbau jedoch findet der elektronische (Indie)-Pop Einzug, wodurch der Musik der Band ein gewisser Dance Faktor verliehen wird, so spielen auch sie keinen gelangweilten Post Punk Abklatsch, sondern kommen mit Momenten daher, die auch an Mediengruppe Telekommander oder durch den Einsatz von Vocodern an Hildegard von Binge Drinking erinnern. Dadurch, dass die Stücke beider Band von Szun Audio gemixt und gemastert wurden, finden wir hier eine Split wie aus einem Guss was Sound, Ästhetik und Stil betrifft. Die EP erscheint heute digital und am 17. Februar 2023 auf Vinyl auf dem Mainzer Label Katalog.

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Von |Veröffentlicht am: 21.12.2022|Zuletzt bearbeitet: 21.12.2022|597 Wörter|Lesedauer 3 Min|Ansichten: 155|Kategorien: Alben, Kritiken|Schlagwörter: , |0 Kommentare|

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Über den Autor: Alexander Koch

Alexander Koch tippt aus Hobby. Auf die Frage welche Musik er gerne hört, kann und will er nicht mit einem einzigen Genre antworten. Selbst Mitglied in mehreren Bands und einer Konzertgruppe, die seit 2013 Bands wie Motorama, Drangsal, Die Nerven, Isolation Berlin oder auch Gurr nach Saarbrücken einlädt.

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