Lange Zeit hat sein Nebenprojekt still vor sich hin gebrodelt, doch nie so richtig das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

Es ist vermutlich zeitlich auch unfassbar schwierig, in mehreren tourenden Bands und Projekten zu spielen und dann noch ein Solo-Album zu schreiben, aufzunehmen und am finalen Ergebnis beteiligt zu sein. Die Rede ist von Paul Seidel, vielleicht besser bekannt als Schlagzeuger bei The Ocean und seinem Solo-Projekt FERN.

Am Freitag, den 30. September kam sein Debut Intersubjective auf dem Hauslabel Pelagic Records raus und wir möchten einmal versuchen, zu beschreiben, wie es klingt und wie wir es finden.

Das Album beginnt sehr ruhig mit einer sehr sphärischen Einlage von und mit Hayk Karoyi aus Armenien – der erste von den beiden Gast-Musikern auf diesem Album.

Mit Առաջանալ kommt man schnell in die gewünschte Gemütslage, die das Album im Folgenden glänzend füllt: ruhiger, erwartungsvoll und dennoch voller Spannung, was als Nächstes passieren könnte.

Diese Erwartung wird auch gleich belohnt auf Simulacrum und der musikalische Charakter wird deutlicher – elektronische Klänge jeglicher Art mischen sich in ein spannendes Beat-Konstrukt, das ebenfalls aus vorher selten gehörten Klängen besteht. Schnell wird klar, dass hier Expertise hinter der Musik steckt in Form von vertrackten Takt-Kombinationen oder zumindest jener Musik, die so scheint.

Auf Hyperreal (siehe Video oben) wird es schon etwas konkreter und musikalisch analoger. Vielleicht kann man hier von einem Groove á la “in the pocket” reden, so wie Schlagzeuger einen präzise auf den Punkt gebrachten Drumming-Stil gerne nennen. Oben drüber kommen erneut diverse Sounds aus Vocals, Synths und weiteren Klängen. Es ist wirklich schwierig genau festzustellen, wie die Musik entstanden ist. Fakt ist, dass es sich gut anhört.

Mit Exnomination erreichen wir den nächsten Song, der ein Feature enthält – diesmal mit SHRVL aka Peter Voigtmann, der schon seit langer Zeit immer wieder mit Paul Seidel zusammen arbeitet. Man fühlt sich schnell an beispielsweise Moderat erinnert, jedoch in der stark heruntergefahrenen Version. An dieser Stelle im Album ist man an dem Punkt angelangt, an dem man Raum und Zeit gerne mal kurz vergessen und sich voll und ganz den ausschweifenden und füllenden Klängen hingeben kann. Rupture und vor allem I Am Transient füllen ein wohles Bad voller einfühlsamen Melodien, die sanft auf einen herab rieseln. Man kann eigentlich gar nicht anders, als die Songs laufen zu lassen und bis zum Ende zu hören. Würde man es tun, wäre es, als würde man sich selbst aus einer Kurzzeit-Therapie entfesseln. Gerne an dieser Stelle ein Hinweis auf die Musik von Hammock, die hier in den Sinn kommt.

Die Musik von FERN wird gerne verglichen mit Nine Inch Nails, Björk oder Depeche Mode. Vielleicht ist Intersubjective ein gutes Beispiel für alle drei. Klar zu erkennen sind die synth-wavigen Begleitungen, die sich durch den Song und ehrlich gesagt durch das ganze Album ziehen. Eine gewisse Unklarheit und fast depressive Agression kommt zum Ende des Songs durch und dennoch bleibt der Song positiv im Gedächtnis. Natürlich ist dies eine subjektive Einschätzung, aber wir laden gerne ein, diese Hypothese selbst zu testen.

Die letzten drei Songs der Platte starten mit Shadows, das beinahe schon HipHop-Elemente integriert, also uns Hörer:innen nochmal neue Einflüsse und musikalische Interpretationen interpretiert. Emanation ist wieder ein Song, der sich nahezu hauptsächlich an einfühlsamen Sounds bedient und es trotzdem schafft ein Crescendo und latent ansteigende Gewalt und Frustration zu kreieren. Irgendwas ist da, das raus muss, trotzdem lässt man die aufgebaute Energie doch lieber bei sich, um keinen Schaden anzurichten. Vielleicht steckt hinter all dieser Musik eine geheime Lektion an uns alle, in stressigen Momenten und im stets anstrengender werdenden Wirrwarr des Lebens die Ruhe zu bewahren.vUnd zur Ruhe kommt das Album zum Glück dann auch von selbst mit Afterlife. Passend zum Songtitel ein in sich ruhendes, abgeschlossenes Werk, das dieses Album wunderbar beendet.

Mit Intersubjective liefert FERN ein gewaltiges Debut-Album, das Lust auf mehr macht. Die vielen verschiedenen und in sich verstrickten Sounds wecken die Neugier und hinterlassen eine Frage, die nicht beantwortet werden kann, man möchte es aber dennoch versuchen, indem man die Songs nochmal hört, in der Hoffnung, die Antwort zu finden.

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