Theatralisches Chaos irgendwo zwischen Postpunk und Posthardcore.

EP kaufen Vö: 03.11.2017 Meta Matter Records

Zu Kreisel kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Die Leute von Meta Matter Records waren so nett und haben mir ein Exemplar einer besprochenen Platte (NYOS, Review hier) geschickt und als Bonus die unbetitelte Debüt-EP von Kreisel beigelegt. Alleine das kunstvolle Artwork und die insgesamt hohe Verarbeitungsqualität der weißen 10“ Platte bestechen sofort, wovon sich manch „große“ Band gerne mal eine Scheibe abschneiden könnte. Aber nun zum Wesentlichen: der Musik.

Der ersten Klänge von „Flüsterspiel“ erinnern stark an zeitgenössischen Postrock, wirken dabei aber etwas unheilvoll und düster. Über rumpelnde Drums wird dann tatsächlich geflüstert, bis die leisen Töne in wütendes Geschrei umschlagen, das von einem supermelodischen Posthardcoreriff getragen wird. Der ganze Song ist in 5 Akte eingeteilt, deren Grenzen fließend ineinander übergehen. Die Riffs werden dafür erweitert, bis letztlich das Anfangsriff mit derber Zerre rezitiert wird. Dazwischen stechen mmer wieder klirrende Punkparts und vor das Geschrei des Sängers hervor, das irgendwie an einen jungen, super angepissten Campino (ich mag die Hosen nicht besonders, aber singen kann er) oder den Sänger der längst vergessenen Berliner Combo „V-Mann-Joe“ erinnert. (Kennt die überhaupt noch jemand?). „Ironiepflaster“ ist ein feines Düsterpunkstück in der Schnittmenge zwischen Melodie und Dissonanz und zudem recht anspruchsvoll. Ständige Riffwechsel schaffen ständige Abwechslung, wozu auch der Wechsel zwischen Gesang und Gebrüll beiträgt. „Isolation“ ist zwar kein Joy Division Cover, klingt aber tatsächlich ganz schön postpunkig. Bass und Drums knacken ordentlich und treiben den Song voran, der Gesang wirkt etwas gedrückt, die Stimme ist in den Hintergrund gemischt. Die Texte sind sehr kryptisch gehalten und lassen Raum für alle möglichen Interpretationen. Die schrägen, knarzigen Gitarren gewinnen immer mehr an Druck, wobei anfangs etwas schwer zu erkennenden Melodien erzeugt werden. Im ähnlichen Stil schließt „Steckenpferd“ die EP ab. Hallende Goth/Wavegitarren und zurückhaltender Gesang, im erneuten Wechsel mit Posthardcore-Attacken und dynamischen Riffs. Inhaltlich geht es um den politischen Rechtsruck, der (nicht nur) durch unser Land geht. Klar, für eine Punkband obligatorisch, aber hier sind wirklich weit von gewohnt Plattitüden entfernt. „Fick Dich, denn Du bist kein Teil von mir“, das kracht schon echt amtlich. Nach einem leisten Moment, mit ebenso leisem, angenehmen Gesang, landen wir wieder bei wütendem Krach. Sehr geil!

Also, man merkt schon, dass es sich bei der EP um einen Erstling handelt. Ob jetzt an der teilweise recht rohen Produktion einiger Stücke, oder an den kleinen Fehlern im Artwork, das Ding musste offenbar recht schnell das Licht der Welt erblicken. Auf der anderen wird deutlich, dass die Kreisels auf einem sehr guten Weg sind, eine der spannendsten Bands im Genre zu werden. Ich werde euch im Auge behalten und bin gespannt auf kommende Releases.

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