Das Cover des dritten Albums der amerikanischen Ambient Künstlerin Julianna Barwick wirkt wie der grellbunte Deckel einer Pralinenschachtel. Die überraschende Füllung: „Nepenthe“, betitelt nach einem magischen Vergessenstrank der antiken Mythologie.

Tatsächlich wirken die versponnenen, zarten Arrangements Barwicks, deren Ursprung irgendwo um die Ecke der Tolkien’schen Elbenstadt Bruchtal liegen muss, wie ein akustisches Anti Depressivum.

Sehnsüchtig in die Ferne tastende Mädchenchöre lassen sich von sakralem Hall in die Höhe tragen, am Wegrand warten, wie zufällig vorbeischlendernd, Streichereinsätze und schwermütige Klaviermelodien. „Nepenthe“s Inhaltstoffe lassen sich nur schwer voneinander trennen, das Album wirkt, wie die namensgebende Substanz, im Ganzen, hinterlässt das unbestimmte Gefühl der Sehnsucht, dem Greifen nach flüchtiger Schönheit.

Die schillernde, übersinnliche Stimmung Julianna Barwicks Songs erinnert an das Flirren der Polarlichter über Island, in das die Künstlerin der Einladung von Sigur Rós Sänger und Gitarrist Alex Somers folgte, dessen Produktion die immer schon vorhandene Verwandschaft Barwicks mit dem Sound seiner Band auf unaufdringliche Weise noch verstärkt. Des Weiteren holte er noch einen Mädchenchor, das Streicherensemble Amiina und Gitarrist Róbert Sturla Reynisson von múm mit ins Boot. Eine völlig neue Erfahrung für Julianna, die ihre Ambient Arrangements bisher immer ganz für sich im eigenen Schlafzimmer in Brooklyn komponierte.

Eine gute Entscheidung. Denn wer nun den Eindruck hat, bei „Nepenthe“ handle es sich um kitschigen Elfen Singsang, ist einfach nur meiner Unfähigkeit, über ein wunderbar intensives, ebenso intimes wie ungreifbares Stück Ambient zu schreiben, auf die Schliche gekommen. Demjenigen sei gesagt: Wenn schon Odysseus die Wirkung von „Nepenthe“ zu schätzen wusste, kann es doch gar nicht so schlecht sein, oder?

01 Offing
02 The Harbinger
03 One Half
04 Look Into Your Own Mind
05 Pyrrhic
06 Labyrinthine
07 Forever
08 Adventurer Of The Family
09 Crystal Lake
10 Waving To You

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