Um die schwedische Band Immanu El war es einige Jahre lang ruhig, zumindest in musikalischer Hinsicht.

Vö: 25.11.2016 Glitterhouse Records iTunes LP kaufen

Persönlich haben die vier Jungs in der Zwischenzeit einiges durchmachen müssen, wovon sie auf ihrem neuen, nunmehr vierten Album erzählen; sowie von Liebe und tiefen Empfindungen.

Es ist ein Abend im Jahre 2012 in der schwedischen Stadt Göteborg. Immanu El spielen ein Konzert, als die Veranstaltung plötzlich durch die Polizei gestürmt und für beendet erklärt wird.

Der Grund: die Band habe keine Erlaubnis für Alkoholausschank auf ihrem Konzert. Es folgen zwei Jahre andauernde Gerichtsverfahren, um die Strafe abzuwenden, denn die Band bekennt sich zu dieser Missetat nicht schuldig. Schließlich wollen sie bald auf US-Tour gehen und sind um ihre unbeschwerte Einreise besorgt. Am Ende erteilte der Oberste Gerichtshof ihnen einen Freispruch, doch die Band hatte all ihre Energie- und finanziellen Reserven aufgebraucht. Ein neues Album musste her, doch wie sollten sie dies ohne die Ressourcen anstellen?

So beschloss die Band, durch eine Crowdfundingkampagne ihr neues Album zu finanzieren. Sie wollten hoch hinaus, sie wollten den besten Produzenten Skandinaviens für sich gewinnen – Johan Eckeborn, der für seine Mitarbeit an Jonathan Johannsons Album „Lebensraum!“ eine Grammy-Nominierung erhalten hatte.

Mit diesem Vorhaben hatten die Schweden unheimlichen Erfolg, sodass nach einer fünfjährigen musikalischen Ebbe am 25.11.2016 ihr Album „Hibernation“ veröffentlicht werden konnte. Ein Titel, der nicht besser auf die Erlebnisse der letzten Jahre zutreffen könnte.

Obwohl Immanu El gemeinhin dem Post-Rock zugewiesen werden, gibt es kaum Überschneidungen mit anderen Vertretern des Genres.

Ihre Musik war schon immer sehr poppig, die Stimme von Sänger Claes sanft und doch dominant, die träumerischen Melodien untermalt durch satte Drums und elektronische Einflüsse. Auf „Hibernation“ wollten sie noch elektronischer werden, was ihnen letztlich gelungen ist, ohne dabei ihren Halt in der Rockmusik zu verlieren. Da das Album unter Glitterhouse Records erschienen ist, juckt es mich zusätzlich in den Fingern, für Immanu El das Genre „Glitter-Indie“ neu zu erfinden. Erschlagt mich dafür gern später. Doch nun wollen wir einmal genauer reinhören.

Der Opener „Voices“ klingt zu Beginn, als öffnete man eine Tür zum Tonstudio oder Proberaum und hört die vier Musiker reden. Ich kann nichts verstehen und vielleicht ist es auch schwedisches Geplapper, aber wenn ich es interpretieren müsste, ginge es vermutlich darum, dass die Gitarren zu leise und das Schlagzeug zu laut eingestellt waren. Oder sie sprechen darüber, dass es gerade neue Star Wars-Pullover in einem schwedischen Kaufhaus gibt. Es klingt privat, intim, als wäre man zu einem ruhigen Abend mit den Schweden eingeladen worden. Leise beginnt ein Gitarrenspiel, verzerrt, nur ein Ton, keine Melodie. Es erinnert mich stark an „The Dove“ von Caspian; dann der langsame, kraftvolle Drum-Rhythmus. Claes singt über die Kälte in seinem Körper und Herzen und adressiert eine unbekannte Person, die ihm (und dem Rest der Band) ihre Wärme schenkt. Ein Song, wie er auch schon auf dem ersten Album „They’ll Come, They Come“ hätte erscheinen können. Eine perfekte Einleitung in das Album mit Bezug auf die vergangenen und direkt hinreißend.

„Winter Solstice“ – Wintersonnenwende – ist ein echter Song zum Tanzen. Man kann sich vorstellen, wie er in hippen Discotheken gespielt wird. Thematisch lässt er sich von allen auf dem Album befindlichen Songs wohl am Ehesten auf die vergangenen Jahre beziehen. So handelt der Text von Wochen, die sich zu Monaten und zu Jahren ausweiten, von gestählten Herzen, versteckten Gedanken und Schnitten, die nicht tief genug reichen können, um die Band zu verletzen. Und wieder ist das dieses „Du“, das die Musiker mit seiner Helligkeit und Wärme beschützt. Dieses „Du“, das sowohl Gott als auch Familie und Freunde sein kann.

Betrachtet man auch die Texte der restlichen Songs etwas genauer, fällt ins Auge, dass sie alle ehrlich und persönlich sind; zum Teil jedoch zu einfach und oberflächlich, zu abwechslungslos. Themen und Metaphern wiederholen sich merklich, auch in Bezug auf die Vorgängeralben. Zuneigung, Schutz, Wärme, Feuer, Eis, Wasser, Kälte. Die Band hat so viel erlebt und dennoch findet sich kaum eine große Veränderung in ihrer Musik wieder. In Nuancen sind sie lauter geworden, kraftvoller, vor allem der Gesang Claes Strängbergs. Nach der Misere der letzten Jahre wäre es jedoch vielleicht denkbar gewesen, dass sie ein explosives Album erschaffen, ein Pamphlet vielleicht. Gegen Polizei, Behörden, gegen den ganzen Mist in der Welt. Doch es sind Immanu El, über die wir hier reden. Es sind Träumer, liebe Jungs, sanfte Gemüter und somit ist „Hibernation“ wie die restlichen Alben eher sanftmütig als hart. Was sie betonen ist die Dankbarkeit für all die Ressourcen, die ihnen auf ihrem schwierigen Weg den Rücken gestärkt haben.

Ein besonderes Augenmerk möchte ich als Liebhaberin von atmosphärischer Musik auf das Instrumentalstück „Dvala“ in der Mitte des Albums legen. Schaltet es mal an und dreht die Lautstärke auf – es ist wirklich schön! Kein Gesang, der die Gedanken in eine bestimmte Richtung lenkt. Nur atmosphärische Klänge mit Gitarre, Rauschen und Brummen. Und nun betrachtet das Cover des Albums. Was ich darauf sehe, ist genau das, was ich in „Dvala“ höre – ein surreal strahlender Berg inmitten einer sternfunkelnden Nacht. „Dvala“ ist neben dem Namen einer Bettwäsche des bekannten schwedischen Einrichtungshauses auch der schwedische Begriff für die Trägheit oder Erstarrung. Das Musikstück erscheint mir trotz seiner Einfachheit gar nicht träge und vielleicht liegt gerade darin die Besonderheit.

„Hibernation“ ist emotional, liebevoll, ruhig und schön, gespickt mit ein paar Elektrobeats hier und ein paar Pianoklängen da, doch es ist ein typisches Album für Immanu El, das nicht den Eindruck erweckt, als hätten sie neue Gefilde betreten wollen und ihre eigenen musikalischen Grenzen ausgereizt. Für mein Empfinden ist es sogar zu gut produziert, zu rein und klar im Vergleich zu ihrem eher rohen Erstling „They’ll Come, They Come“, das nach wie vor mein Lieblingsalbum der Schweden ist.

Doch was ist rationale Kritik schon gegen die emotionale Überwältigung eines Albums, das einem thematisch so sehr aus der Seele zu sprechen vermag? So ist „Hibernation“ für den beginnenden Winter, in dem man sich mit einem heißen Kakao in dicke Decken kuscheln möchte, genau das richtige Album.

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