„Callus“ – Hornhaut, Schwiele. Der natürliche Schutzmechanismus unserer Haut gegen äußere Belastung. Außerdem der Name des neuen Gonjasufi-Albums.

Sumach Ecks hat seit dem letzten Album „MU.ZZ.LE“ einiges durchgemacht. Das merkt man: „Callus“ entfernt sich vom meditativen Psychedelic-Hip-Hop seiner Vorgängeralben und präsentiert uns eine großartige Sammlung von verzerrten Fieberträumen. Es ist sein düsterstes, ambitioniertestes Album geworden.

Gonjasufi eröffnet diesen Albtraum von einem Album mit der sich direkt in die Magengrube drückenden Gitarre von „Your Maker“. Begleitet wird diese von einem ordentlich heruntergestimmten Hip-Hop-Drumsample. Der Beat kriecht in seinem ganz eigenem Tempo, setzt aus, stolpert, verschwindet, nur um dich aus dem Versteck in den Abgrund zu reißen. Und spätestens wenn die bedrohlich flirrende Orgel den Bass ablöst ist die Gänsehaut da.

Schon seit seinem Debüt „A Sufi And A Killer“ weiß Gonjasufi seine Stimme als vielseitiges Instrument einzusetzen. Auf „Callus“ treibt er diese Fähigkeit auf die Spitze: Er lässt sein Organ nahezu in seine Instrumentals herein bluten, mal schrill und quakend wie in „Maniac Depressant“, mal klebrig und langgezogen wie in „Krishna Punk“, mal zerbrechlich lamentierend wie in „Poltergeist“. Die Stimme ist genauso verzerrt wie die Gitarre und genauso windschief wie die Beats, sie fügt sich nahtlos in diese Albtraum-Musik ein. Er ist der vom Glauben abgefallene Priester, der uns mit krächzendem Vibrato durch die Apokalypse dieses Albums führt. „Is anybody private? Is anything sacred?“ fragt er in „Your Maker“.

„The Kill“ ist Gonjasufis wahnwitzige Version von einem Requiem: Die (natürlich verzerrte) Hi-Hat kracht im Trauermarsch-Tempo, die Gitarre spielt ein klagendes Solo in Moll, und plötzlich sind überall Bläser. Dies ist eines der größten Kunststücke dieses Albums: Gonjasufi findet in all dem Dreck und all der Angst immer noch ein bisschen Schönheit. Für drei der 19 Stücke hat The Cure-Veteran Pearl Thompson die Gitarre eingespielt, der hier seine beste Arbeit seit „Disintegration“ darbietet. Das Instrument ist omnipräsent, klingt mal wie psychedelischer Stoner-Rock, mal wie ein verstimmtes E-Piano. Der perfekte, kaputte Kontrapunkt zum Gesang.

Den Höhepunkt von „Callus“ bildet „Shakin Parasites“, ein für Gonjasufis Verhältnisse nahezu episches Stück Finsternis in sechs Minuten: Die Gitarre spielt tiefe, langsam nach oben kriechende Arpeggios, dazu singt er „I never meant to be this fucked up“. Gonjasufi sieht das schlimmste in unserer Zeit und liefert den traurigerweise viel zu sehr passenden Soundtrack dazu. „So desperate for attention/ Throwing death threats just for a mention“. Der Künstler erklärt: „Die ganzen Missverständnisse, das ganze Elend und die ganzen Qualen habe ich als Inspirationsquellen genutzt und in diese Tracks eingebracht. Es ist die qualvollste Erfahrung überhaupt.“.

„Callus“ ist kein einfaches Album. Es ist sperrig, es ist ungemütlich, manchmal ist es furchterregend. Aber wenn man es zulässt, wenn man sich in diesen verzerrten Albtraum fallen lassen kann, dann erlebt man eines der wunderbarsten Alben dieses Jahres. Und am Ende wacht man schweißgebadet auf.

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