Die künstlerische Weiterentwicklung. Das Damoklesschwert über jedem Zweitalbum. Bewährtes oder Bruch? Weiterentwicklung oder Neuanfang? Dass Fever Ray nicht einfach da weiter spinnen würden, wo Album Nummer Eins aufhörte, hatte das verstörende Video zu „To the Moon and Back“ bereits vor einigen Wochen gezeigt. Zeilen wie „I want to run my fingers up your pussy“ hatten zusammen mit der BDSM-Ästhetik eine mehr auf Kontroverse und Konfrontation ausgerichtete Karin Dreijer präsentiert.

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Vö: 27.10.2017 digital/23.02.2018 physich

Rabid Records 

Und so wie schon ihr Debutalbum quasi aus dem Nichts erschien, kommt nun Plunge ohne jede Vorankündigung zu bester Jahreszeit auf den Markt. Ein erster Höreindruck: Weniger düster, vermehrt Anleihen aus der The Knife Welt, insgesamt zugänglicher aber auch weniger Gesamtkunstwerk.

Besorgten Hörern sei entgegnet: Natürlich ist immer noch alles voller Atmosphäre, düsterem Schweben, verstörtem, Björk-esquem Gesang und dem seltsamen Zauber, der schon dem Erstling innewohnte. Aber Dreijer hat den Beat entdeckt. Wo das selbstbetitelte Debüt innehielt, versank und beobachtete, stampft Plunge aus dem Sumpf in den Club.

Opener „Wanna Sip“ groovt in bester Dancehall-Manier in die Gehörgänge, pulsiert und zeigt die neue Richtung an. Kopf hängen lassen ist nicht mehr, Kopfnicken ist angesagt. Der nächste Track „Mustn’t Hurry“ schlägt da noch eher eine Brücke, Anleihen von „When I Grow Up“ aus dem Debutalbum sind unverkennbar. „A Part of Us“ will 80er Hymne, irgendwie Disco und Klangcollage sein und scheitert etwas seiner eigenen Uneindeutigkeit.

„Falling“ macht das wieder gut. Fast verwunderlich, dass er nicht auf dem Blade Runner 2049 Soundtrack gelandet ist. Man sieht Dreijer förmlich mit den Replikanten tanzen. „IDK About You“ wird live der absolute Kracher. Als Albumtrack wirkt er aber seltsam deplatziert, seine minimalistische Klangwelt sticht zu sehr aus dem ansonsten so dichten Klangnebel des Albums heraus.
„Red Trails“ schafft den wunderbaren Spagat organische Geigenklänge mit einer kalten Drum Machine zu mischen. „An Itch“ verspricht schon als Titel nicht besonders angenehm zu sein und hält dieses Versprechen.

„Mama’s Hand“ ist als finales Statement die Vereinigung der gesamten künstlerischen Entwicklung Dreijers. Elemente vom Debutalbum sind hier genauso zu finden, wie die verspielten Klangwelten der The Knife Platten und die neue Tanzbarkeit von Fever Ray.

Insgesamt verschluckt sich Plunge etwas an der großen Menge verschiedener Produzenten (7). Das Album ist offensiver und zugänglicher als der Vorgänger, durch die teilweise aber sehr unterschiedlichen Klangwelten, die Dreijer mit unter anderem den DJs Peder Mannerfelt und Paula Temple, The Knife Produzent Johannes Berglund und der Berliner Elektroproduzentin Tami T schafft, geht das Konzept des Albums etwas verloren. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Plunge bringt die dichte Atmosphäre des Erstlings auf die Tanzfläche und lässt einen auch erst nach dem letzten Track wieder zur Ruhe kommen.

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