Für die Jünger der amerikanischen Post-Rock-Leitbilder Caspian hat das Warten auf ein neues Album nach exakt drei Jahren bald ein Ende, denn am 25. September erscheint „Dust And Disquiet“, bei uns in Europa herausgegeben durch Big Scary Monsters.

LP kaufen Vö: 25.09.2015 Big Scary Monsters

Zehn Stücke mit einer Gesamtdauer von einer knappen Stunde, laden den Hörer dazu ein, sich einen schwarzen Mantel anzulegen, den Kragen hochzustellen, um den Körper vor der alles umgebenden Kälte zu schützen, und einen langen Spaziergang über einen Friedhof zu machen. Um es klar auszudrücken: „Dust And Disquiet“ wird von der ersten bis zur letzten Sekunde von tiefer Trauer beherrscht.

Um zu verstehen, woher diese Stimmung rührt, muss man ein wenig tiefer in die Geschichte der Band eindringen und die letzten drei Jahre seit ihrem dritten Langspieler „Waking Season“ Revue passieren lassen. Die Band sieht sich im Jahr 2012 in einem Prozess des Erwachens, interpretiert man den Titel auf diese Weise, gesteht jedoch ein, dass sie selbst nicht wissen, welche Veränderungen dieser Prozess mit sich bringen würde. Dann, plötzlich, auf den Tag genau elf Monate nach Veröffentlichung des Albums, verstirbt Bassist und Gründungsmitglied Chris Friedrich; ein extrem schwerer Verlust für die übrigen Bandmitglieder. Der Tod des Freundes, des Bruders im Herzen, stieß die Band in einen Zwiespalt zwischen dem Verlangen, sich mit ihrer Trauer zurückzuziehen, und dem unmittelbaren Wissen, dass sie musikalisch nach vorn blicken müssen, was allerdings zermürbende Tourpläne und äußerste Erschöpfung bedeuten würde.

„Das Reisen kann bisweilen ein Gefühl von Entfremdung hervorrufen. Nach einer Weile vergisst man, wieso man überhaupt unterwegs ist. Die Entscheidung, nach all dem ein neues Album aufzunehmen, war ein Schritt, um uns selbst klarzumachen, wieso wir all dies tun: Die Musik ist unser stärkstes Mittel gegen Gefühle von Leere und Unruhe.“, so Gitarrist Philip Jamieson.

Nun, mit dem Wissen über die Hintergründe dieses Albums, können wir andächtig den Klängen lauschen – teils bekannt, teils neu, teils überwältigend unerwartet und unerwartet überwältigend.

Der Opener „Separation No. 2“ ist ein langsames Stück, das durch ruhige Bläser und Streicher untermalt wird. Es ist der Inbegriff von Trauer und erschafft vor dem inneren Auge die Szenerie einer Beisetzung. Das Grab eines geliebten Freundes, eine kleine Gruppe Trauernder, eine Grabrede. Caspian erzählen Geschichten durch ihre Musik; jedes einzelne Stück ist ein Kapitel aus der Entstehungsgeschichte des Albums, und „Separation No. 2“ ist der Prolog zu dieser Erzählung über den inneren Kampf zwischen Schwermut und ihrer Überwindung. Der Übergang zum zweiten Titel „Ríoseco“ vollzieht sich auf leise Art, kaum spürbar, denn auch dieses Stück steht auf einem sorgenvollen Fundament. Die ersten Tage und Wochen nach dem Verlust, in denen das Leben als Band und Einzelpersonen weitergeht und noch niemandem klar ist, was daraus werden wird. Der Schock und der Schmerz verwandeln sich langsam aber sicher zu einer Akzeptanz des Geschehenen, mit hörbaren Episoden von Verleugnung, Zorn, Verhandlung und Depression, interpretiert man nach den fünf Phasen der Trauer nach Kübler-Ross.

Es folgt ein musikalischer Umbruch zu „Arcs of Command“, ein eher technisches Stück, hart und laut, das sich stilistisch am ehesten auf „Tertia“ zurückführen ließe. Auch in diesem Kapitel lassen sich vielfältige Emotionen erkennen. So ist es von Beginn an unruhig und wütend, während es später in eine blanke Zerstörung mit einem wahren Metal-Ambiente mündet. In diesem Song beweisen die Crescendo-Boys aus Beverly einmal mehr ihr Talent, viele Gitarren zu einem massiven Klangteppich zu verknüpfen, ohne den Eindruck eines dicken und zähen Breis aus Lärm entstehen zu lassen. Wäre dies ein Metalsong, könnte man sich einen wütenden Scream-Gesang prächtig vorstellen. Aber Gesang? So etwas brauchen Caspian nicht, um ihre Gefühle und Gedanken zu äußern.

Doch dann… „Echo And Abyss“ erklingt. Ein Song, der ebenfalls einen starken technischen Unterton hat, auf Synthies und hypnotische Gitarrenmelodien mit viel Delay baut. Wir befinden uns vermutlich immer noch in der zweiten Phase der Trauer, die durch Zorn und Wut geprägt ist. Und plötzlich: ein kurzer Gesang. War das nur so etwas Unterschwelliges wie in „Gone In Bloom And Bough“? Nein, ein paar Takte später erklingt eine düster verzerrte Stimme – die Stimme von Gitarrist Erin Burke-Moran – geheimnisvoll wie aus einem anderen Reich. Mit einem flehenden und vielleicht anklagenden Unterton erreicht der Gesang eine Art Chorus. Auch dieser Song besticht durch seine Düsterkeit und Härte, der Gesang mündet in eine kurze Episode aggressiver Screams, wonach die Atmosphäre bricht und in verschwommenen Klängen aus Gitarren und Synthesizern ruhig ausklingt. Dies mag das Ende der zweiten Phase sein. Man hat sich mit seinem Verlust abgefunden und geht mit seinen Gefühlen und Gedanken in die nächste Phase – die Verhandlung.

Der Hörer ist vielleicht noch nicht ganz über den überraschenden Gesang in dieser ansonsten rein instrumental arbeitenden Band hinweggekommen, da setzt gleich zu Beginn des fünften Songs „Run Dry“ erneuter Gesang ein, diesmal von Calvin Joss, ebenfalls Gitarrist und Gründungsmitglied der Band. In herzerwärmendem Cleangesang erzählt er eine Geschichte von Veränderung, vom Prozess des Erwachens. In Anlehnung an das vorangegangene Album, steht in diesem Song die Phrase „We’re wide awake now“ im Vordergrund und liefert den unumstößlichen Beleg dafür, dass die Jungs zu Männern geworden sind und mit ihnen ihre Musik erwachsen geworden ist. Tatsächlich war ihre Musik niemals als unreif zu bezeichnen; sie hat sich von Beginn an durch fein abgestimmte, detaillierte Kompositionen und das Talent der Musiker im Einsatz ihrer Instrumente behaupten können. Doch Caspian sind mit diesem Album einmal mehr über sich hinausgewachsen und haben ihre Aufrichtigkeit bewiesen. Sie haben sich mit ihrer Trauer auseinandergesetzt und geweint, bis die Tränen versiegt sind und sie in einem neuen Lebensabschnitt aufwachen konnten.

Über „Equal Night“, ein Pianostück von knapp zwei Minuten Länge, blättert man ein Kapitel weiter zu dem seit Ende Juni bekannten „Sad Heart Of Mine“ und dem geneigten Fan mögen vielleicht spätestens in diesem Moment die Tränen über die Wangen laufen. Die verspielte Melodie aus Keyboard- und Pianoklängen verkörpert zum ersten Mal in diesem Gesamtwerk das Element der Hoffnung. Mit diesem Stück begegnen Caspian uns auf ihre sehr gewohnte Art und Weise. Die Melodie steigt zu einer Art Marsch an und erinnert an frühe Songs wie „Some Are White Light“. Auch das nächste Stück “Darkfield“ ist schon seit einigen Wochen bekannt und auch in diesem Fall lässt sich ein typischer Caspian-Sound heraushören. Die synthetischen Drumbeats sind catchy und laden mindestens dazu ein, energisch mit dem Fuß zu wippen. Während des ganzen Songs fühlt man sich wie auf einem Flug durch ferne Galaxien und planetarische Nebel, umgeben von gefährlichen Asteroiden, mit denen man jederzeit kollidieren könnte. Die Energie des Stücks entlädt sich in harten Gitarren und einem mächtigen Chor.

Das Album erfährt zum Ende hin einen erneuten stilistischen Umbruch. Es folgt ein weiteres kurzes, rein akustisches Gitarrenstück, „Aeternum Vale“, zu Deutsch „Abschied für immer“, das den Hörer in die Phase der Depression einleitet, woran sich der Namensgeber „Dust And Disquiet“ in ruhiger Form anschließt. Der Verlust liegt eine Weile zurück, der Schock ist vergangen, doch der Schmerz bleibt. Die Hoffnung, die in „Sad Heart Of Mine“ entstanden ist, scheint für einen Moment zu schwinden und in ein Dilemma zurückzutreiben. Es folgt ein Bruch in der Komposition. Eine Überlegung. Das Leben geht weiter, es muss weitergehen. Die Konsequenz ist unausweichlich. Und es wird weitergehen, mit Freude und Elan, denn etwas Anderes hätte niemand wollen können. Die Geschichte schlägt einen Bogen zurück zum Anfang, zurück zu den Bläsern und Streichern, die Spannung steigt erneut und die Hoffnung kehrt zurück. In diesem Epilog erlebt die Musik ihren Höhepunkt und die letzte Phase der Trauer: die Akzeptanz. Das Stück endet nach elfeinhalb Minuten mit Elementen des Classic Rock und schließt den Kreis perfekt durch einen ruhigen Ausklang.

Abschließend sei noch ein Interpretationsansatz zum Albumcover gegeben:
Zu sehen sind sieben kreis- oder sternförmig angeordnete Federn auf schwarzem Grund, möglicherweise Schiefer. Sechs kurze Federn und eine lange, deren Kiel in die Mitte des Kreises hineinragt. Sechs Federn für die aktuellen sechs Mitglieder der Band, eine Feder für den verstorbenen Chris, der nach wie vor seinen Platz inmitten der Gruppe hat, während ein Teil von ihm sich in alle Himmel erhebt. Es mag eine Vorstellung sein, die der Atmosphäre des Albums gerecht wird.

Fazit: Es mag ganz sicher Hörer geben, die, ohne das Wissen über die Hintergründe, dieses Album als träge und langweilig abstempeln würden. Weiß man jedoch, auf welchen schmerzhaften und dramatischen Emotionen dieses Werk basiert, und lässt man sich genau auf diese Gefühle ein, erkennt man in „Dust And Disquiet“ ein Narrativ, das all dies verkörpert. Es gleicht einem Epitaph für den verstorbenen Freund, mit dem Versprechen, dass er bis in alle Ewigkeit ein Teil dieser Band sein wird.

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