BLUR haben ein in keiner Sekunde langweiliges Album aufgenommen, welches bekannte Trademarks mit modernen Ideen und Produktionsweisen verbindet, womit die Band eine Retro-Falle umgangen ist. Im Gegensatz zu anderen Langzeit-Musikern sind sie nicht zu ihrer eigenen Karaoke-Version geworden. Auch im Jahr 2015 sind BLUR relevant.

The Great Return.

Mein erstes BLUR-Konzert kostete siebenunddreissig Mark und ist aus beiden Gründen (relativ preiswert, andere Währung) schon eine Weile her; nämlich zwanzig Jahre. Das letztbesuchte Konzert war vor achtzehn Monaten auf dem Berlin-Festial (BLUR und PET SHOP BOYS an einem Abend – wie einfach es sein kann, Ekstase zu empfinden!) Vor Ort waren sicherlich einige Leute, die beim D-Mark-Konzert im Huxleys noch nicht auf der Welt waren.

In jenem Gig-Jahr 1995 gab es BLUR schon eine ganze Weile. Was es nicht gab, waren Billigflieger und breitenwirksames Internet. Deshalb befanden sich der damalige beste Freund und der Schreiberling im September des genannten Jahres in folgender Situation: übernächtigt (wegen Busfahrt von Berlin nach Brüssel) aber gut gelaunt (fünf Stunden Wartezeit genutzt, um per pedes durch fragwürdige Gebiete zu streifen, was beide Beteiligten mochten, vor allem nachts) sowie leicht seekrank (wegen Windgang) auf einer Fähre zwischen Calais und Dover, sich fragend: “Wer oder was ist denn OASIS?” Ein interessant aussehender Typ trug nämlich ein T-Shirt mit jenem Schriftzug.

In London angekommen, wurde der Gastgeber beim ersten gezapften Riesen-Bier ganz ohne Schaum (“Pint” – gleich ein neues und nützliches Wort gelernt!) nach OASIS gefragt. Er klärte uns eher unbegeistert auf, während im Hintergrud das brandneue Album von SUEDE (“Dog Man Star”) lief, welches danach von BLUR´s “The great escape” abgelöst wurde. Binnen einer Stunde war klar: bester Freund = SUEDE, dem sein bester Freund = BLUR. Überschneidungen vorhanden. Auch bei unserer Weiterreise Richtung Boheme-Wohnzimmer in Brighton (mit Meerblick!) waren beide Bands die Musik der Stunde: es war fast schon Konsens, deren neue Alben zu mögen, auch wenn die Mehrheit der Bekannten ansonsten undergroundiger (GUIDED BY VOICES!) unterwegs war. Wer konnte zu der Zeit ahnen, dass solche Lo-Fi-Bands nur wenige Jahre später Role-Model für BLUR sein würden?
OASIS wurden zwar nicht direkt verachtet, waren den meisten Leuten im Umfeld aber egal.

In der britischen Presse sah das ein bisschen anders aus: eine Zeitlang gab es fast täglich eine Schlammschlacht. Mich erinnerte das Ganze an die in Deutschland häufig herbei geschriebene erbitterte Feindschaft zwischen Punks und Poppern Anfang der Achtziger Jahre, was meistens kaum mehr als heisse Luft und/oder Wunschdenken war. Nie hab ich in United Kingdom erlebt, dass OASIS- und BLUR-Fans sich auf der Strasse an die Gurgel gingen oder T-Shirts der jeweils nicht gemochten Band vor laufenden TV-Kameras zerrissen. Allerdings lieferten die Sänger beider Bands durch ihre Aussagen ordentlich Futter für Schlagzeilen.

Der tolle DJ auf der Indie-Queer-Party “Dynamite Boogaloo” in Brighton spielte nicht nur die drei erwähnten Bands, sondern neben PULP wurden auch KRAFTWERK, DAVID BOWIE, SEX PISTOLS, SAINT ETIENNE und DEAD KENNEDYS serviert.

Am Schluss hatten BLUR den Single-Fight mit “Country House” gewonnen und OASIS die LP-Schlacht mit “Morning Glory”. Auch auf dem Festland wurden beide Bands ziemlich populär, während im UK die vorherigen Alben bereits hohe Wellen geschlagen hatten.

Den meisten Leuten dürfte die Historie um die beiden Studien-Freunde Damon Albarn und Graham Coxon geläufig sein, die zuerst mit Dave Rowntree und Alex James unter dem Namen SEYMOR erste Erfolge feierten, dann als BLUR zur Manchester-Rave-Band mutierten (“Leisure” und “Modern life is rubbish”) und nach weiterer Hinzunahme von Sechziger- und Siebziger-UK-Pop-Rock-Anleihen den Durchbruch mit “Parklife” und “The great escape” schafften. Sound und Attitüde änderten sich deutlich beim Folgewerk “Blur” – vor allem durch den Einfluss von Graham Coxon und eventuell auch durch das Öde finden des Britpop-Hypes sowie einer Amerika-Tour. Beim darauf noch experimentiellerem Werk “13” gab es viel Knatsch, und Graham schmiss das Handtuch. Mit “Think Tank” ein Album heraus, welches fast wie ein Solo-Album von Damon wirkt, während Graham auf seinem Label eigene Alben veröffentlichte, die seinen musikalischen Ideen entsprachen.
Jahrelang redete man nicht miteinander, doch Ende 2007 wurde darüber gesprochen, dass BLUR einige wenige Konzerte in der Urbesetzung spielen werden: eins in Glastonbury und zwei im Hyde-Park. Nach einer Doppel-DVD zum Hyde-Park-Ereignis gab es immer wieder Gerüchte über eine erneute Zusammenarbeit in der Originalbesetzung, welche durch Soundschnipsel, Interviews, einer Single und angeblich neuem Song-Material unterfüttert wurden. Dennoch war es eine relativ grosse (und vor allem plötzliche) Überraschung, als im Februar die Bekanntgabe eines neuen Albums namens “The Magic Whip” stattfand.

So, und nun kommen wir endlich, endlich ENDLICH zum neuen BLUR-Album. Wie wird es sein, das Album, welches anscheinend durch einen puren Zufall angeschoben wurde? Denn BLUR waren 2013 in Hongkong, um auf einem Festival zu spielen, welches kurzfristig abgesagt wurde. Was tun mit fünf Tagen “Leisure”? Fotos, Filmchen und Berichten nach zu urteilen scheint Hongkong eine wirklich langweilige Stadt zu sein, wo der Hund begraben liegt, wo absolut nichts los ist und wo ständig (insbesondere nachts) völlige Dunkelheit herrscht.  Also gingen die vier Jungs ins Avon-Stunde und experimentierten herum. Damals dachte wohl noch niemand daran, dass gerade der Grundstein für das erste BLUR-Album in langer Zeit gelegt wird.

An “The Magic Whip” wurde von einzelnen Bandmitgliedern patchworkmässig und an verschiedenen Orten der Welt gearbeitet, wobei dieses Mal nicht Zwist oder Unstimmigkeiten der Grund waren, sondern viele Aktivitäten ausserhalb von BLUR. Während Damon Albarn mit seinem Solo-Album unterwegs war, feilten Graham Coxon und Produzent Stephen Street (der in den letzten Jahren häufiger mit Coxon und in den ersten Jahren konstant mit BLUR gearbeitet hatte – bis 1995) am Songmaterial. Im Gegensatz zu Coxon´s Solo-Werken ist hier deutlich zu merken, dass die Tracks dekonstruiert und neu zusammengesetzt wurden: das Spannungsfeld zwischen Indie-Rock und moderner Computer-Bastelstube ist interessant und geht gut auf. Albarn war Anfang 2015 erneut in Hongkong, um sich noch mal textlich beeinflussen zu lassen. Als er mit dem Einsingen der Songs fertig war, befand sich das Album so gut wie im Kasten.

Das erste Anhören erzeugt bereits in den ersten Sekunden eine Grinsefresse: gab es keinen anderen Weg? “Lonesome way” klingt nämlich verdammt nach einer der ersten BLUR-Singles “There´s no other way”. Oha – soll hier etwa mit Erwartungshaltungen gespielt werden? Könnte sein. Auf den zwölf Tracks werden nämlich sämtliche Stile, die nicht nur BLUR (was eine ganze Menge ist), sondern auch Damon Albarn´s GORILLAZ sowie sein letztjähriges Solo-Album wie auch die Einzel-Aktivitäten von Graham Coxon durchgenommen. Es ist bekannt, dass Damon einen breitgefächterten Musik-Geschmack hat. Seine Elektronik-Spielereien in Kombination mit Graham´s Gespenster-Gitarren lassen grossartiges entstehen: die Songs laufen teilweise geradezu über, was Sounds und Ideen angeht. Lediglich die zweite Hälfte vom letzten gemeinsamen Album (“13”) scheint unberücksichtigt zu bleiben: diese fühlte sich damals an wie ein Abstieg in die Hölle, behandelte Damon´s Trennung von seiner langjährigen Freundin Justine Frischmann (ELASTICA) und das Ganze erinnert nun an BJÖRK´s aktuelles Album “Vulnicura” in Bezug auf die Veröffentlichung einer persönlichen Leidensgeschichte.

Aber kommen wir zurück zu dem, was vorhanden ist: “Go out” könnte glatt vom “13”-Album (erste Hälfte) sein, während “I Broadcast” sich nach der “Parklife”-Zeit plus Elektronik-Update anhört. Ganz gross sind die Streicher auf “There are too many of us”. Einen Über-Hit wie “Boys and girls” oder “Song 2” haben BLUR dieses Mal nicht an Bord, das macht aber überhaupt nichts, weil das Album sowieso von Anfang bis Ende wunderschön ist. “My Terracotta Heart” fasst in Bezug auf Stimmung und Text ganz gut zusammen, was wir gerade gehört haben – der Song klingt übrigens am ehesten nach einer vielleicht gesuchten und auf “The Magic Whip” wenigstens teilweise (wieder-)gefundenen Albarn-Coxon-Symbiose.

Mit Erleichterung lässt sich zusammenfassen: BLUR haben ein in keiner Sekunde langweiliges Album aufgenommen, welches bekannte Trademarks mit modernen Ideen und Produktionsweisen verbindet, womit die Band eine Retro-Falle umgangen ist. Im Gegensatz zu anderen Langzeit-Musikern sind sie nicht zu ihrer eigenen Karaoke-Version geworden. Auch im Jahr 2015 sind BLUR relevant.

Blur – The Magic Whip

1 “Lonesome Street”
2 “New World Towers”
3 “Go Out”
4 “Ice Cream Man”
5 “Thought I Was a Spaceman”
6 “I Broadcast”
7 “My Terracotta Heart”
8 “There Are Too Many of Us”
9 “Ghost Ship”
10 “Pyongyang”
11 “Ong Ong”
12 “Mirrorball”

P. S.: Auf der japanischen CD-Version gibt es einen Bonus-Track namens “Y’all Doomed”

P. P. S.: Ich mochte und mag OASIS.

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