Das Element der vielfältigen Irreführung. Überaus vielversprechender Erstling einer neuen Post-Punk-Hoffnung.

Das ist er wieder, der Genre-Begriff der seit einigen Jahren mehr als inflationär für alles verwendet wird, das nicht im Rahmen der Gefälligkeit für die alternativen Massen konstruiert wurde: Post-Punk. Also eigentlich lehne ich aktuell konsequent alles ab, was aus dieser Richtung an Anfragen bei mir ankommt. Ich kann sie nicht mehr hören, die Joy Divison-Blaupausen, die aufgesetzt-nihilistische Düsternis, den über allem stehenden, so typischen Basssound. Ich hatte auch hier schon protestiert, aber der Herr Redakteur meint, dass wir es hier „mit einem der besten Alben der letzten 5 Jahre“ zu tun haben und auch die Presse kriegt sich nicht mehr ein. Na gut, dann riskiere ich doch mal ein oder zwei Ohren.

Die Band von der Insel hat die klassische Bandbesetzung um ein Sax und eine Violine erweitert, was allein schon mein Interesse weckt.

Als Produzent konnte man keinen Geringeren als Andy Savour der großartigen My Bloody Valentine gewinnen und der reibt sich sicher nicht wegen belanglosen Newcomern auf, wenn sie nicht irgendwie besonders sind. Okay, da spricht viel für die Band… Bandfotos und Artwork sehen allerdings aus, als hätte man ein paar Leute von einer der Bühnen am Weltkirchentag entführt und alles ist (optisch) so viele Meilen vom Begriff des PUNK weg, dass man fast schon wieder unüberwindbare Zweifel bekommt. Aber, ok, die Ohren und das Hirn entscheiden über Sieg oder Niederlage.

Wir starten mit einem treffenderweise als Instrumental betiteltem Instrumental und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, der sich vor Überraschung zwar nicht über-, aber zumindest angefahren fühlt. Rhytmisch, aufgeregt, ja, schon beinahe tanzbar geht es hier zu. Vom Post-Punk der Seitenscheitellangweiler aus der Hauptstadt ist hier absolut nichts zu hören. Nach und nach schleichen sich die Instrumente ein und erweitern bzw. veredeln das Stück immer weiter. Das musikalische Thema bleibt bestehen und wird stoisch immer weiter variiert, weshalb man dann vielleicht doch wieder der angeblichen Genrezuordnung glauben schenken kann. Es wird eine ganz spezielle, kaum zu beschreibende Stimmung aufgebaut, die am ehesten an eine Mischung aus James Bond-Theme und einem Jazz-Varieté erinnert. Ok, damit habe ich eher nicht gerechnet.

Das folgende Athens, France lässt (um hier ein bisschen zu spoilern) die Katze aus dem Sack! Anspruchsvolle, progressiv-erquickende Musik mit einer vibrierenden, düsteren Stimme, die mehr erzählt, als dass sie singt. Vielschichtige, musikalische Elemente, Schrammelgitarren, versiert gespielter Bass und durch das Sax hervorgerufen Jazz-Spritzer finden sich zu einem nicht selten als Post-Rock-Gefilde erinnernde Gemisch zusammen. Schräg, aber auf keinen Fall ungefällig oder abstrakt, sondern an den richtigen Stellen angenehm melodiös.

Wo wir gerade von „schräg“ sprechen, folgt Science Fair in der Tracklist des Albums. Hier geht es stark atonal zur Sache, avantgardistisches Noise-Gebrutzel und die unheilkündende Stimme sorgen für ein heilloses Durcheinander.

Mich erinnert es an Miles Davis‘ extreme Drogenphase in den 70ern, die zwar stets beeindruckend, aber auch immer ein wenig beängstigend auf den Hörer (oder wenigstens auf mich) wirkte. Das folgende, episch lange Sunglasses beginnt ebenso entrückt und irre, kaum Muster oder Struktur ist zu erkennen, die Musik wabert aus den Boxen. Aber, und das ist verrückt, es geht trotzdem alles verlustfrei ins Ohr. Genau zum Zeitpunkt, an dem unangenehm werden könnte, kommt der Cut und die Zerre und der Wahnsinn verschwinden schlagartig und machen Platz für wunderbar weiche, post-rockige Gitarren. Dazu wird natürlich erzählt und nicht zum ersten mal fühle ich mich an La Dispute erinnert, allerdings ohne die Ausbrüche. Rhythmuswechsel, kratziger Sound, irre Töne, alles erinnert an einen manischen Jazz-Zirkus. Wow, man weiß gar nicht, wie man sich fühlen soll.

Ungewöhnlich gefällig erwartet einen Track X, das angenehm an frühe Sigur Rós erinnert, aber von der lasziv wirkenden Gesangsart des Sängers getragen wird. Es geht hier etwas flotter zu werke, was der Band auch wirklich ganz gut steht. Wären die Jazzsprenkel hier nicht, wäre der Song fast etwas gewöhnlich.

Nun, wenn man den letzten Song auf dem Album Opus tauft, dann sollte man auch einen solchen liefern. Siehe da, es gelingt auch noch.

Alles, was die bisherigen Stücke so besonders gemacht hat, wird am Ende rezitiert. Eine drogenschwangere Film-Noir-Szenerie, sich entgegen stehende Tanz- und Chanson-Parts, Drama, Finsternis… Finale! Wie ein akustisches Feuerwerk, das mit dem letzten Tonfunken vom Himmel segelt.

Man muss es ihnen echt zugestehen, sie haben etwas besonderes geschaffen. Mit der Bezeichnung Post-Punk bin ich nicht einverstanden, das ist schon sehr viel mehr, was hier geboten wird. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das im Lockdown der Krise entstandene Stück Musik vielleicht deshalb so düster geraten ist und ich persönlich bin sehr gespannt, wie sich die Musik von Black Country, New Road in Zukunft entwickeln wird.

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