Was sind die Melvins? Ein großartiges Drumsolo und harte Riffs, aber im Ganzen – in keinem Fall – je Konsens. Das ist Sludge, das ist Doom, das ist Stoner, das ist Prog, das ist alternative Rockmusik, so wie sie definiert wurde.


Hast du jemals eine Banane gegessen und dich gefragt, wie sie wohl mit ein wenig Nuss-Nougat Creme schmecken würde? Die Antwort: sehr lecker, ein wenig fruchtig, süß, nahrhaft und doch gleichzeitig eine gesunde Mischung aus natürlich biologischem Wachstum und menschlicher Weiterverarbeitung. Ähnlich verhält es sich mit den Melvins und dem Berghain – eine Beziehung, auf die man im ersten Moment nicht gleich kommt, die aber in jedem Fall Sinn macht. Wobei die Melvins natürlich den härteren und schokoladigeren Teil der beiden Zusätze ausmachen. Und so kam es, dass sich die Herren Osborne und Crover an einem lauen Herbstabend, genauer gesagt am Donnerstag den 24. September, zum Gastspiel in der Hauptstadt einfanden. Anlässlich des im Dezember erschienenen Albums „Hold it In “ und der im Juni erschienenen Zusammenstellung „The Bulls & the Bees/Electroretard“ ein genialer Schachzug die Band in dieser Location zu platzieren, denn beide gelten in ihrer jeweiligen Stilistik als absolutes Novum – Rehkitze im Wald, von denen du einfach nicht deine Augen lassen kannst und sie immer wieder versuchst zu sehen. Der gleichen Meinung sind auch die Konzertgänger, die für ein restlos ausverkauftes Konzert im Vorhinein sorgten, so dass die sehnlichst hoffenden Fans vor dem Club schlichtweg leer ausgehen. Was uns drinnen wieder findet ist nicht minder erfreulich. Eine Crowd, die ausschließlich für die Musik der Herren aus Montesano gekommen ist und keineswegs andere dumme Gedanken im Sinn hat. Die Location bleibt daher nur nebensächlich, stellt jedoch das wohl beste Refugium des Landes für die Band dar.

Im Stelldichein mit der Function One Anlage hat die Band im Berghain ihr Sanatorium gefunden, wobei natürlich im voraus auf den Geräuschpegel hingewiesen wird, denn wir wollen uns nicht wirklich die Ohren zerschmelzen lassen von diesen feinsten aller Riffs, oder? Es ist die Art von Feedback und Gitarrenwand, die sich Dylan Carlson und Stephen O’Malley gegenseitig ins Ohr flüstern, wenn sie nach einem trüben Sommerabend morgens aufwachen, um gemeinsam zu frühstücken, nur mit einem Bademantel bekleidet – in weiß. Genau das ist Buzz’ Sound, der sich an dem Abend übrigens hübsch gemacht hat und sich einer gold braunen Robe aus Billy Corgans Zeitgeist-Garderobe bedient (es wird hier keine Bilder geben). Doch los geht es mit Big Business, ihrerseits Bassist Jared Warren und Drummer No. 2 der Melvins Coady Willis unterstützt durch Scott Martin, die es wissen mit ihrem repetitiven, doppelstimmig heroischen Falsett-Gesängen und folklorischen Rhythmen die Hörgewohnheiten auf progressivere Klänge mit Spin und Groove einzustellen. Nach kurzer Pause, wo man sich auch mal die Halle in hellerem Licht ansehen kann, geht es dann auch schon los. Mit den Klängen zu Sabbath betritt die Band die Bühne… ja richtig, so eng ist die Beziehung zwischen Buzz und Ozzy mittlerweile, längst in den Wind geschossen das Mädel, das aussagte, der König sähe aus wie Tingeltangel Bob. Tingeltangel Bob sieht aus wie der König! Los geht es mit einem Drum Solo von Crover und seinem Spezi Warren in „Onions Make The Milk Taste Bad“ vom 2014er Album, das zärter nicht sein könnte. Die Frage warum die Band mit zwei Schlagzeugen spielt steht ja jetzt schon Jahre im Raum, der Grund dafür ist aber mehr als gerecht – es ist der Druck, die Zwischenmenschlichkeit der beiden Weibchen hinter der Rhythmussektion und die gegenseitige totale Hingebung – die beiden harmonieren mittlerweile als zerschmolzenes Ganzes. Auch in „The Water Glass“ oder „The Bloated Pope“ der 00er Jahre wird das klar. Es ist fast so, als wolle Crover etwas Klon-artiges heranzüchten, um seiner Band in 50 Jahren ein Pendant zu Kiss zu schaffen. Eine Band für die Ewigkeit, aber das sind sie ja schon lange. Das Publikum ist entspannt, die Dynamikspielereien sind bis aufs letzte ausgereift, nicht mal Harvey Mason würde so smooth spielen – „It’s Shoved“ aus dem Album „Bullhead“ sowie „At The Stake“ aus „Stoner Witch“ repräsentieren die 90er und „Civilized Worm“ aus „(A) Senile Animal“ groovt als Höhepunkt ultra-tight dahin. Die schnelleren Gegenstücke am Abend stellen „Sweet Willy Rollbar“, „Evil New War God“ und das Wipes Cover „Youth of America“ dar. Auf einer gut 1,5 stündigen Reise begeben wir uns in einen progressiven Traum dem Crover es abverlangt, gezeichnet durch seine gekonnten Fills, ihn nicht unterbrechen zu lassen und Osborne sein rifflastiges Gitarrenspiel mit vereinzelten Drones in einer ganz eigenen Welt beherrscht. Den Greg Ginn-Einfluss lässt er dann doch aber ab und an durchblitzen, wie etwa bei „Bride of Crankenstein“ von 2014. Mit „Your Blessened“ von „Bullhead“ und „The Bit“ von „Stag“ blitzen abermals die 90er durch. Die „Night Goat“ lässt sich an diesem Abend nur versteckt im Dickicht blicken, wie zur Regel geworden, schmeißt sich die Band mit „A History Of Bad Men“ aus der heiligen Halle, sich in Einlage von Bassist Willis und einem abschließenden Drum Solo von Crover verlierend.

Was sind die Melvins? Ein großartiges Drumsolo und harte Riffs, aber im Ganzen – in keinem Fall – je Konsens. Das ist Sludge, das ist Doom, das ist Stoner, das ist Prog, das ist alternative Rockmusik, so wie sie definiert wurde. Eine Band, die sich stets neu erfindet und doch ihrem Sound treu geblieben ist, die Kiss überdauern wird und die jedes Jahr auch noch ihr 100. Jubiläumskonzert im Berghain spielen darf.