Für mein letztes von (viel zu) vielen Konzerten im Jahr 2013 verschlägt es mich ins beschauliche Münster zur mittlerweile 23. Ausgabe der Benefizveranstaltung „Radau gegen HIV“. Die Sputnikhalle ist an diesem Abend gut gefüllt, was angesichts des letzten Auftritts von War From a Harlots Mouth nicht verwunderlich ist. Doch anhand der T-Shirts ist erkennbar, dass viele Leute auch für die Belgier von Amenra eingereist sind. Neben den üblichen Merchständen gibt es einen Tombolastand, an dem man diverse Sachpreise gewinnen kann. Ein weiterer Stand lädt passend zur Veranstaltung dazu ein, sich genauer mit HIV und der AIDS Hilfe zu befassen.

Durch das Angebot rund um die Veranstaltung lässt sich die Zeit bis zur ersten Band gut überdrücken. Bei dieser handelt es sich um Svffer. Das Quartett gibt es noch nicht allzu lange, doch ihr durchweg professionelles Auftreten lässt darauf schließen, dass die Mitglieder schon Erfahrungen in anderen Bands gemacht haben. Ich hatte mir vorher im Vorfeld der Show die selbstbetitelte 7-Inch angehört und war positiv überrascht. Die damit gestiegenen Erwartungen können die Münsteraner auch live voll und ganz erfüllen. Ihr Sound, der sich irgendwo zwischen Crust und Powerviolence bewegt, bläst einem vom ersten Takt an ordentlich die Gehörgänge durch. Die schnellen Parts gefallen genauso wie die zwischendurch eingestreuten, schleppenden Riffs. Ein weiteres Lob geht an die Sängerin, die einen ausgezeichneten Job macht und eine wirklich überzeugende Stimme hat. In den Pausen gibt es außerdem intelligente Ansagen zum Thema Faschismus. Die 20 Minuten Spielzeit vergehen wie im Fluge und am Ende bleibt nur die Gewissheit zurück, dass ich Svffer bei Gelegenheit weitere Male auschecken werde.

Bei den folgenden Amenra wird die Stimmung düsterer und die Riffs noch langsamer. Post-Metal/Sludge der Extraklasse steht auf dem Plan. Diese Band inszeniert sich selbst auf der Bühne nahezu perfekt. Alle sind in schwarz gekleidet. Dazu laufen im Hintergrund Schwarzweißvideos über einen Beamer, die in der Regel einsame Frauen in Wäldern oder das Meer zeigen. Schon beim Opener „The Pain It Is Shapeless We Are Your Shapeless Pain“ hat die Band das Publikum fast vollständig in ihren Bann gezogen. Leider nur fast, denn zwei Gäste beschäftigen sich lieber damit, die Leinwand im Hintergrund für Schattenspiele zu nutzen. Verlasst doch bitte beim nächsten Mal die Halle, wenn euch die Musik nicht zusagt. Den Sänger, der zu 98 Prozent des Sets mit dem Rücken zum Publikum steht, scheinen die Herren auch zu stören, denn direkt nach dem ersten dreht er sich zum Publikum und beäugt die Beiden mit einem Blick, bei dem einem Angst und Bange werden kann. Seine Stimmung schlägt sich aber keinesfalls negativ auf die Songs aus. Bei den weiteren Stücken klingt seine Stimme klagend wie eh und je. Die Atmosphäre ist bei jedem Song bis zum Zerreißen gespannt. Stücke wie „Razoreater“ und „Boden“ brillieren mit ihren ruhige Parts und den folgenden Ausbrüchen. Man weiß gar nicht, ob man dem Schauspiel auf der Bühne folgen oder einfach nur die Augen schließen und das Ganze wie ein Schwamm in sich aufsaugen soll. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für mein Fanboydasein, aber bei dieser Band fällt es mir jedes Mal schwer, nicht in Begeisterungsstürme auszubrechen. Mit „Silver Needle. Golden Nail“ wird das Set nach einer knappen Stunde abgeschlossen. Die Band erhält riesigen Beifall und aus Gesprächen neben mir kann ich auch entnehmen, dass heute neue Fans hinzugewonnen wurden. Bleibt zum Schluss nur noch eines zu sagen: Wem sich die Chance bietet, Amenra einmal live zu erleben, der sollte diese unbedingt ergreifen.

Als War From a Harlots Mouth schließlich zu einem Monolog aus dem Film „Menschenfeind“ die Bühne betreten hat sich die Halle schon etwas geleert. Das hält die Berliner allerdings nicht davon ab den dagebliebenen Zuschauern eine gute Show zu liefern. Zu einem kurzen Intro betritt letztendlich auch Sänger Nico die Bühne und die Show kann losgehen. Das Set bietet einen guten Mix aus allen vier Alben der Band. Leider ist der Gesang etwas zu leise, wobei für die Sputnikhalle insgesamt über den Abend gesehen ein guter Sound herrscht. Die Band schafft es trotzdem, dass ihre Musik auch live nicht nur zu einem einzigen Breakdownbrei verkommt. Kurze Jazz Zwischenparts sind immer wieder gern gesehen und locker auch die Stimmung im Publikum etwas auf. Dieses hält sich allerdings heute ziemlich zurück. Nur ein paar Leute entern den Pit und das Grüppchen, welches Nico bei seiner Arbeit unterstützt, ist auch überschaubar. Die Band zieht trotzdem weiter routiniert ihr Ding durch. Bei ihrem laut eigener Aussage mittlerweile siebten Besuch in Münster verlassen die Berliner nach 45 Minuten guter Unterhaltung zum ersten Mal die Bühne. Allerdings kehren sie noch einmal zurück, denn was wäre ein Set ohne das abschließende „If You Want To Blame Us For Something Wrong Please Abuse This Song“ mit dem allseits bekannten Maschinengewehr Breakdown.

Abschließend bleibt zu sagen, dass „Radau gegen HIV 23“ sicherlich ein Erfolg für die Veranstalter ist und es in Zukunft auch weitere erfolgreiche Konzerte der Reihe geben wird. Schade ist es um War From a Harlots Mouth, die sich durch ihre experimentellen Parts aus meiner Sicht immer sehr positiv vom (Death-) Core Einheitsbrei abgehoben haben. Hoffentlich werden die Mitglieder weiterhin mit anderen Projekten für Aufsehen sorgen.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.