Gitarrenrock in all seinen schönen Momenten. Um nichts mehr und nichts weniger geht es bei Hamburgs Indie-Rockband Nr. 1, die sich Palila nennt, benannt nach einer vom Aussterben bedrohten Vogelart.

Das Trio, bestehend aus dem charismatischen Sänger, Gitarristen und Hauptsongwriter Matthias Schwettmann, Christoph Kirchner (Bass, Gesang) und Neuzugang Sascha Krüger (Schlagzeug, Gesang), setzt dabei weniger auf Perfektion und Virtuosität als darauf, in ihren Songs Gefühle und Stimmungen zu erzeugen, die diesen Kraft, Ausdruck und Schönheit verleihen.

Auf ihren bisherigen Veröffentlichungen, den beiden EPs Are We Happy Now? und Tomorrow I’ll Come Visit You And Return Your Records haben Palila in sehr eindrucksvoller Weise gezeigt, dass sie Gitarrenrockmusik in all ihren Facetten in sich aufgesogen haben und dazu imstande sind, ihr Herz ohne große Umschweife zu vertonen. Insofern verwundert es denn auch nicht, dass die Hamburger nicht immer eindeutig einzugrenzen sind und sich je nach Stimmung zu unterschiedlichen Stilen verleiten lassen, die Palilas Einflüsse, die von Neil Young über Dinosaur Jr. zu R.E.M. bis Built To Spill und vielem Artverwandtem dazwischen reichen, spürbar werden lassen. Palila begeben sich dabei auf eine eigenwillige Reise durch die breiten Gefilde von Rock, Americana, Grunge und Alternative und machen gelegentlich auch kleinere Abstecher in die Wüste, um mit aufgerissenen Amps ordentlich Staub aufzuwirbeln.

So auch auf der brandneuen Single Swim or Drown vom bevorstehenden Debütalbum Rock’n Roll Sadness, welches im November über Kapitän Platte erscheinen wird. Das Bielefelder Recordlabel schenkte der zweiten EP Tomorrow I’ll Come Visit You And Return Your Records im vergangenen bereits ein Vinyl-Release und nahm die Hamburger bei sich auf.

Anlässlich der heutigen Premiere von Swim or Drown haben wir uns deshalb mit Sänger und Gitarristen Matthias Schwettmann in Verbindung gesetzt, um nachzufragen, wie es der Band in den zurückliegenden Monaten so ergangen ist und wie die Stimmung an der Elbe angesichts des bald erscheinenden Debüts Rock’n Roll Sadness so ausschaut.

Hi Matthias. Schön wieder ein Lebenszeichen von Euch zu hören. Seit unserem letzten Kontakt hat die Welt sich ja ganz schön gedreht. Corona hat dann ja auch Eure Minitour, die nach der Veröffentlichung vonTomorrow I’ll Come Visit You And Return Your Records geplant war, nicht stattfinden lassen. Ihr habt jetzt einen neuen Longplayer in den Startlöchern. Erzähl uns doch mal, wie sich die zurückliegenden Pandemiemonate so auf Palila und die Produktion des bevorstehenden Albums ausgewirkt haben. Gibt es da auch ’nen Zusammenhang mit dem Albumtitel Rock’n Roll Sadness? Seid Ihr depressiver geworden (als Ihr es sowieso schon wart, hahaha)?

Hihi, nein, depressiver sind wir nicht geworden. Aber die Absage der zehntägigen Tour, die wir komplett allein gebucht haben, war schon ein ordentlicher Dämpfer. Aber anderen Musiker:innen ging es ja genauso, und bei größeren Bands ist ja auch ein massiver ökonomischer Druck auf dem Kessel, also wollen wir nicht klagen.

Als absehbar war, dass das Livespielen erst mal nicht möglich ist, war klar, dass wir eine Platte machen. Was soll man denn sonst machen? Es war schon viel Material vorhanden, am Ende gab es sogar die größenwahnsinnige Überlegung, sofort zwei Alben einzuspielen. Das war dann aber doch nicht zu wuppen, ohne irgendwo an der Qualität zu sparen.

Der Titel der Platte Rock’n’Roll Sadness klang für uns einfach schön, er bringt die Vielfalt des Lebens, die Freude und die Trauer, den Exzess und den Kater, irgendwie auf den Punkt. Den Text zum Song Rock’n’Roll Sadness hat unser Bassist Chris geschrieben, inhaltlich wird da schon sehr die Musik, die Verzerrung, das Feedback gefeiert – und halt auch die Emotionen, die das alles auslösen kann.

Ihr habt jetzt bereits den dritten Mann hinter der Schießbude sitzen, wenn ich richtig gezählt habe. Scheint ja ein gefährlicher Posten bei Euch zu sein (hahaha). Vielleicht magst du den Neuen mal eben vorstellen, und erzählen, wie ihr Euch gefunden habt?

Sascha Krüger ist seit Januar 2021 dabei. Wir haben ihn eigentlich nur deshalb angeschrieben, weil er Musikjournalist ist und Visions-Redakteur war, und wir uns erhofften, dass er ein paar Namen droppt, die wir dann anfragen könnten. Dann meinte er aber – frech, wie er ist –, dass ihn das selber reizen würde, er habe zwar zehn Jahre nicht getrommelt, aber finde die Musik cool und würd gern mal wieder, so ungefähr. Also haben wir ihn im tiefsten Hamburger Winter draußen getroffen und geredet, bis uns zu kalt wurde. Wir hatten ein gutes Gefühl. Inzwischen haben wir mit ihm das Album aufgenommen und die ersten Gigs gespielt und können sagen: Das gute Gefühl hat sich bestätigt!

Als ich die Promo zu Rock’n Roll Sadness öffnete, war ich erstmal etwas verblüfft keinen Vogel, sondern einen Primaten zu sehen. Seid Ihr jetzt auf den Affen gekommen?

Tiere sind einfach super! Den Affen hat ein Freund von mir (Peter Schepsmeier) fotografiert und wir fanden den Blick so wunderbar traurig, sodass uns Peter das Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Wir freuen uns schon auf das Merchandise davon!

Im aktuellen Pressetext zur neuen Platte geht es ja u.a. um die Bedeutung von Indie-Rock als mögliche Antwort auf alles und all den Wahnsinn und Sinn in der Welt, und um ein Selbstverständnis von Independent-Music als ehrliche, authentische und auch zeitlose Ausdrucksform. Wie steht Ihr zu diesem ganzen Indie-Ding und fühlt Ihr Euch da wohl und richtig verortet?

Ich wüsste nicht, was man gegen Independent-Music als Produktionsform haben könnte. Als Musikstil lässt sich das ja sowieso nicht fassen. Es ist natürlich schon recht nischig, was wir da machen. Aber wir hoffen halt, dass nach Abklingen des Psychedelic-Rock-Revivals das 90es-Indie-Rock-Revival kommt und wir dann auf dieser Welle surfen können. Ne, Quatsch. Geht immer um die Songs. Entweder sind sie gut oder sie sind scheiße. Indie-Rock ist ein akkurater Begriff, der uns nicht einengt und nicht nervt.

Haltung, Liebe, bei sich sein. Weitere Schlagworte, die im Promotext anklingen. Darüber hinaus steht dort, dass Ihr mittlerweile eine Bandchemie habt, mit der Ihr ohne Umwege Euer Herz vertonen könnt. Wie wichtig ist Dir – auch als Hauptsongwriter – so eine Losgelöstheit, wenn man quasi merkt, dass alle im Song eingetaucht sind, man sich einfach im Flow befindet und nicht mehr großartig nachdenken muss, was als nächstes im Song passiert? Und wie hat sich diese Chemie auf das Schreiben der neuen Songs ausgewirkt?

Einige Songs sind ja wesentlich älter als die Band selbst. Palila gibt es ja erst seit gut zwei Jahren, der Song One Soul ist zum Beispiel schon zehn Jahre alt und stammt aus einer Sammlung von rund 400 Songs, die in den letzten zwei Dekaden irgendwann mal geschrieben wurden. Aber Du hast schon recht, dieser Flow ist definitiv etwas Erstrebenswertes, man probt die Songs, um diese Leichtigkeit zu erreichen. Ohne Leichtigkeit erreicht man das Publikum nicht.

Der Songwritingprozess ist bei mir ja meist erst mal eine recht einsame Angelegenheit, die bei mir zuhause im Wohnzimmer stattfindet, wo ich dann immer erstmal Demos anfertige. Wenn ich bei den Lyrics nicht weiterkomme, schicke ich Chris Mumble-Tracks (also Urfassungen mit Vocals in „Fantasie-Englisch“) und er schreibt dann die passenden Lyrics dazu. Glücklicherweise ticken wir in der Band alle recht ähnlich, wodurch man beim Finalisieren des Songs dann nicht mehr ewig braucht, weil es nur Kleinigkeiten sind, die man noch anpasst. Wenn eine Idee nicht nach kurzer Zeit einschlägt, wird sie gleich in die Ecke geschmissen. Hin und wieder holen wir sie dann zwar wieder raus, aber das ist eher die Ausnahme.

Erzähl uns zum Abschluß, was uns dann auf der neuen Platte noch alles erwarten wird. Swim Or Drown ist ja schon mal ein guter Vorgeschmack. Ich selbst bin ja insbesondere ein Fan von Palila, wenn ihr die Lautstärke und die Distortion aufreißt und hoffe natürlich, dass Ihr auf dem neuen Album auch wieder solche Tracks am Start haben werdet. 

Da werden wir dich nicht enttäuschen, Jens! (lacht). Es sind schon auch ruhige Nummern drauf, aber mit Sascha ist das Drumming schon noch mal powervoller geworden, und das merkt man der Platte im Gegensatz zu unserer Doppel-EP von 2020 definitiv an. Wir haben diesmal ja auch dort aufgenommen, wo sonst Feine Sahne Fischfilet hingehen (lacht), in den K-Klang Studios in Hamburg-Ottensen. Ritchy Fondermann und Ron Henseler von Belgrad haben den Recording-Prozess federführend begleitet, das war eine richtig gute Erfahrung und brillante, teilweise auch fordernde Zusammenarbeit. Die Energie, die man auf dem Album hört, kommt zu einem guten Teil auch von Ritchy und Ronnie. Wir freuen uns tierisch, dass wir für unser Debütalbum die Förderung der Initiative Musik erhalten haben.

Wir danken für das kurze Interview und freuen uns, Euch nun Palilas neue Single Swim Or Drown präsentieren zu können, über die Matthias sagt:

Wenn wir in ein und demselben Song Blackmail und Sigur Rós, die Freiheit und das Verderben grüßen, dann kommt sowas dabei raus.

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Rock’n Roll Sadness von Palila erscheint am 12. November 2021 via Kapitän Platte/Cargo Records/Artisfy.

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