„Unsere Ausgangsbasis war Krach und Improvisation“

Auch wenn man schon viel in (s)einer Stadt rumgekommen ist: noch immer gibt es interessante Orte (wie Scherer 8 im Wedding) zu entdecken. Diese Neugierde ist auch den Mitgliedern der neuseeländischen Band KERRETTA nicht fremd. Ende Mai spielen die drei Herren einen Gig in besagtem Hausprojekt. Die Location wirkt – bei der Umgebung ist es nicht viel anders – als wäre die Zeit stehen geblieben: Gentrifizierung scheint hier auf den ersten Blick ein Fremdwort zu sein. Die Strassen sind eher ruhig, es gibt die für Berlin typische Multikulti-Bevölkerung, und neben dem bunten Haus sind zwei Spätkauf-Läden („Spätis“) zu entdecken.

Der Backstage vom Scherer 8 ist ein grosses Erdgeschoss-Wohnzimmer, es gibt eine Kneipe und weiter hinten im Durchgang ist der Merch-Stand neben einem Flipper (cool!) aufgebaut. Daneben ist der Konzertraum, und die Toiletten haben Westernstadt-Türen.

Noch ist der Laden relativ leer, das wird sich später aber ändern: ein gut besuchter Gig, das Publikum besteht aus einer bunten (oder doch wohl eher schwarzen) und interessanten Mischung.

KERRETTA, welche häufiger dem Postrock-Genre zugeordnet werden kann, treten heute zusammen mit KASAN und ABRAKADABRA auf. KERRETTA besteht seit dem Jahr 2005 und wurde in Auckland gegründet. Die drei Mitglieder William (Bass), David (Gitarre) und Hamish (Schlagzeug) lebten anfangs dort, inzwischen sind sie allerdings in unterschiedlichen Städten und Kontinenten unterwegs.

Vor dem Gig hatten William und ich eine gute Dreiviertelstunde Zeit, um uns in dem Wohnzimmer vor einem grossen Fenster mit Blick auf die Strasse zu unterhalten.

 

PiN: KERRETTA spielen nicht zum ersten Mal in Berlin…

William: Nein, wir waren vor einer Weile schon mal hier, denn im letzten Jahr haben wir in neun europäischen Ländern gespielt. Deutschland mögen wir sehr. Aus irgend einem Grund scheint es hier sehr gut für uns zu laufen. Vielleicht liegt es daran, dass unser Label von hier ist. Wir haben dieses Mal ein limitiertes Zeitkontingent und demnach beschlossen, Deutschland in den Mittelpunkt der Tour zu stellen.

PiN: Ich hab in einem älteren Interview gelesen, ihr seid beim ersten Mal nach Deutschland gekommen, um Schnee anfassen zu können. Hat das geklappt?

W: Es war sehr kalt, wir haben eine Menge Schnee anfassen können (lacht). Auf der gleichen Tour waren wir in Polen, dort waren es minus zwanzig Grad. Wir sind an so was nicht gewöhnt. Das kälteste was wir in Neuseeland kennen, sind vier oder fünf Grad plus. Das war ein neues Experiment für uns.

PiN: Wie lange werde ihr jetzt in Europa spielen?

W: Wir sind drei Wochen hier für fünfzehn Shows. Wir wollten eigentlich auch nach Russland, aber es gab Probleme mit den Visas, so mussten wir leider zwei Shows absagen, was in gewisser Weise auch nicht schlecht ist, da wir dadurch drei Tage Zeit haben, um an neuem Material zu arbeiten. Dave, unser Gitarrist, lebt in London. Hamish und ich leben in Neuseeland. Es ist nicht einfach für uns, gemeinsam Songs zu schreiben. Im Moment läuft das eher per Mail, was richtig gut funktioniert.

PiN: Schickt ihr euch Files hin- und her?

W: Ja – das ist mal was anderes und interessant, aber es ist mit Sicherheit sinnvoll, wenn wir bald drei Tage richtig zusammen arbeiten.

PiN: Ich habe gehört, das Album soll 2014 rauskommen…

W: Nun ja, erst mal schreiben wir es…. (lacht). Es fliegen im Moment einige ganz gute Ideen in der Gegend rum. Wir sind relativ schnell als Band, auch weil unser Gitarrist der Produzent ist, denn er hat ein Studio in London. Wir haben Glück in dem Punkt.

PIN: Wie sieht der Arbeitsprozess aus?

W: Wenn einer von uns eine Idee hat, lädt er sie in eine Drop-Box, die beiden anderen hören sich das an und entscheiden, ob sie es mögen, und in dem Fall wird es verwendet.

PiN: Kannst du schon was sagen zu den Ideen, die du angesprochen hast? Ich bin gespannt, denn vom ersten zum zweiten KERRETTA-Album war ein großer Unterschied zu hören. Das neue, von euch im Net hochgeladene Lied „The Guardsman“ hört sich wieder ganz anders an.

W: Ich denke es wird eine sehr andere Platte werden. Dave versucht, mit den Gitarrensounds viel weiter zu gehen als reguläre Riffs zu spielen. Es wird experimentiell werden und heavy. Momentan überlegen wir uns, die Gitarren mehr nach Synthesizer als nach Postrock klingen zu lassen.

PiN: Wie ist der neue Song „The Guardsman“ entstanden?

W: Das war einer unser ersten E-Mail-Songs: eine gute Erfahrung, was die neue Arbeitssituation angeht. Wir wollten etwas Neues für die Tour rausbringen, auch um die Leute neugierig zu machen. Wir möchten natürlich nicht immer wieder das gleiche Album einspielen und versuchen deshalb, neue Ideen einzubringen und die Sounds immer mehr zu erweitern. Ich denke, nach dieser Tour werden wir gleich neue Songs schreiben.

PiN: Wart ihr vorher bei anderen Bands involviert?

W: Ja, wir waren vorher alle in anderen Bands. KERRETTA hat als zufällige Jam-Improvisations-Band angefangen. Weil Dave in Auckland ein Studio hatte, sind wir sonntags zum Spass dahin gegangen und haben so viel Krach und Improvisation produziert, wie wir wollten. Dave hat einige gute Momente aufgenommen und sagte: „Hey, das klingt ziemlich gut“. Das war die Ausgangsbasis für unsere Songs. Die anderen Bands sind dann eher Nebensache geworden. KERRETTA wurde für jeden von uns die Nummer Eins.

PiN: Wann war der Moment als ihr gemerkt habt, KERRETTA ist am wichtigsten?

W: Wir haben vorhin gerade darüber gesprochen, wir sind uns da selbst nicht ganz sicher (lacht). Ich denke mal, so um 2006 herum, aber wir waren nicht wirklich ernsthaft dabei, bis wir unsere erste Seven Inch fertig hatten. Weil das gut lief, beschlossen wir ein Album aufzunehmen. Es gab nicht diesen Moment eines definitiven Starts. Es war ein gradueller Prozess.

PiN: Es hört sich so an, als gäbe es keinen Druck bei euch.

W: Ja, das hängt auch damit zusammen, das wir uns nie vorgestellt hatten, irgendwann an dem Punkt zu sein, wo wir jetzt gelandet sind. Druck gibt es wirklich nicht, weil Dave in London lebt, ich lebe zu Hause mit meiner Familie, Hamish war eine Weile in Kanada. Somit sind wir verstreut und es dauert immer etwas, bis wir Dinge zusammen bringen. Wir haben keine Eile, wir sind keine Rockstars, and we go with the flow (lacht).

PiN: Gehst du arbeiten neben der Musik?

W: Ja, das ist so in Neuseeland: alleine von der Musik kannst du dort kaum leben. Ich hab ja schliesslich auch eine Familie. Die Regierung unterstützt Musiker: es gibt die New Zealand Music Commission: das ist eine Agentur, welche Projekten finanziell hilft. Du kannst dich dort bewerben und bekommst Geld vom Staat für ein Album oder eine Tour. Das ist eine schöne Sache, wobei das Geld für Musik minimal ist, wenn du es mit der Kohle vergleichst, die zum Beispiel in Sport reingesteckt wird. Wir haben jetzt auch etwas für die Tour bekommen, worüber wir uns freuen. Ich denke mal, wir hätten unser Ding aber genau so durchgezogen, wenn wir nichts bekommen hätten. Wenn Du Geld für ein Album haben willst, musst du dir im Klaren darüber sein, dass es um die hundert Bands gibt, die sich bewerben. Von denen werden dann zwei oder drei finanziell unterstützt.

PiN: Wie wird entschieden, wer Geld bekommt? Schauen die darauf, was erfolgsversprechend ist?

W: Es gibt zwei Varianten: eine ist mehr kommerziell orientiert, die andere „Creative New Zealand“ ist abstrakter und nicht nur für Musik, sondern auch für Kunst und Filme zuständig. Es gibt auch Geld für Musikvideos. Dadurch werden nicht nur die Bands unterstützt, sondern auch die Filmindustrie vor Ort. Das hält alles gut in Schwung, und es ist für alle Beteiligten eine Winner-Situation, natürlich auch für das Publikum. Die Regierung ist ziemlich hilfreich. In Amerika sagen Leute manchmal: „Was? Der Staat gibt euch Geld?“ Gleichzeitig musst du beweisen das du das Geld wert bist und gut angelegt hast. Sie wollen zum Beispiel einen Bericht haben, wo du auf der finanziell unterstützten Tour gewesen bist. Es ist schwer, sich für das Funding zu bewerben. Du hast einen Business-Plan zu schreiben.

PiN: Das ist für manche Bands vielleicht nicht einfach: die wollen schließlich Musik machen und keine Business-Pläne.

W: Ja, aber in dem Fall sollten sie das lernen (lacht).

PiN: Euer Label Golden Antenna ist in Deutschland. Wir kamt ihr zu ihnen?

W: Wir haben auf dem South by Southwest-Festival in Texas gespielt, wo auch MY EDUCATION waren. Die sind ebenfalls bei Golden Antenna. Der Label-Chef Timo war interessiert und fragte uns, ob wir zu ihnen wollen. Sie haben uns viele Türen in Europa geöffnet.

PiN: Da KERRETTA relativ spezielle Musik ist, möchte ich fragen, wie dein Weg zu solcher Musik war. In der Kindheit oder Jugend hören die meisten Leute erst mal keinen Postrock.

W: Um ehrlich zu sein, wir hören viel weniger Postrock, als die meisten Leute annehmen, sondern ganz verschiedene Musik. Hamish und ich kommen aus dieser Neunziger-Chicago-Szene um JESUS LIZARD und so, FAITH NO MORE und KILLING JOKE sind auch wichtig. Wir versuchen nicht, Postrock zu sein. Wir fallen zwar manchmal in diese Kategorie, ab und zu ist das hilfreich, aber wir tun einfach, was wir tun.

PiN: Ist es okay, wenn Leute euch so einordnen?

W: Das macht uns nichts, wir bezeichnen uns aber nicht selbst so. In Neuseeland existiert Postrock eh nicht. Es gibt eine Handvoll Bands, von denen ich annehme das du sie so kategorisieren kannst, aber als Label wird das in Neuseeland nicht benutzt – anders als in den Staaten oder in Europa.

PiN: Gibt es eine spezielle Neuseeland-Musik-Szene?

W: Ja, es gibt eine große Musikszene und es ist ein toller Ort um Musik zu machen. Das Problem ist nur: es gibt kein konstantes Publikum. Wir können da nur viermal im Jahr spielen, weil es einfach nicht genug Publikum gibt. Regulär spielst du vielleicht in zwei von den vier grösseren Städten, bei einer Album-Tour in allen vieren. Wir haben ein paar internationale Bands supportet., das hilft natürlich, den Bekanntheitsgrad zu erweitern.

PiN: Ich habe gelesen TRAIL OF DEAD und EXPLOSIONS IN THE SKY gehören dazu.

W: Ja, wir haben auch mal mit THE BREEDERS gespielt. Wir sind eine seltsame Band als Support für THE BREEDERS.

PiN: Findest du?

W: Na, wir waren auf jeden Fall froh gefragt zu werden. Nach der Show in Wellington hingen wir miteinander ab und hatten eine gute Zeit. Die meisten internationalen Bands spielen nur in Auckland und vielleicht noch in Wellington. Deshalb ist es auch nicht einfach für uns, Shows mit internationalen Bands zu spielen, denn es ist teuer, für eine oder zwei Shows nach Neuseeland zu fliegen.

PiN: Der umgekehrte Weg ist ja auch nicht billig, wenn ihr nach Europa geflogen kommt.

W: Nein, deshalb planen wir das auch ungefähr ein Jahr im voraus.

PiN: Kannst du dir auf Tourneen etwas von der Welt anschauen?

W: No! (lacht). Wir sind eine Touring-Machine. Ich mag die Routine, möglichst jeden Abend einen Gig zu spielen. Wenn wir in den Staaten touren, haben wir manchmal zwei Tage Fahrzeit zwischen den Shows, und hier kannst du spielen und spielen und spielen.

PiN: Wo seid ihr denn gestern aufgetreten?

W: In Potsdam.

PiN: Okay, das ist super-nah.

W: Wir haben in einem besetzten Haus gespielt, was gut war. Davor waren wir in Leipzig und haben in einem grossen Theater gespielt: eine schöne Location. Das ist cool beim touren: du weisst nie, wo du sein wirst und wie es dort sein wird, ganz speziell in Osteuropa. Bist du in einem Hotel oder schläfst du auf dem Fussboden? Ich mag DIY-Orte wie diesen Ort hier.

PiN: Gibt es das in Neuseeland?

W: Nicht wirklich. Die Hardcore-Bands haben eine ziemlich gute Community, Punk-Bands auch. Es gibt aber nicht so viele interessanten Venues. Das läuft in Neuseeland ganz anders.

PiN: Wie sind die Venues in Neuseeland?

W: Es sind eher reguläre Orte wie in Auckland The Kings Arms Tavern, wo ungefähr fünfhundert Leute rein passen. Es ist sehr komfortabel, wenn mal nur hundert Leute dort sind. Es gibt einige größere Veranstaltungsorte und auch ein paar Theater.

PiN: Magst du etwas interessantes über das Land erzählen, was jenseits von Klischeevorstellungen ist?

W: Besucher scheinen sehr zu geniessen, wie schnell du an unterschiedlichen Orten sein kannst: in der einen Minute im Schnee, kurz darauf am Strand, dann wandern und in eine Bar….das geht alle sehr schnell. Und es gibt eine gute Filmindustrie.

PiN: Wer ist bekannt neben Peter Jackson?

W: Peter Jackson, KERRETTA…. (lacht). Dann gibt es „Flight of the conchords“.

PiN: Oh ja, die Serie kenne ich – klasse!

W: Wir haben – wie gesagt – eine große Filmindustrie. Amerikanische Firmen kommen gern nach Neuseeland: für sie ist es billig, dort zu arbeiten, und „Lord of the rings“ hat offensichtlich die Industrie gepusht: es gibt viele kreative Leute in Neuseeland in dem Bereich. Amerika hat teilweise ein Outsorcing betrieben, was Vorteile für beide Seiten bringt. James Cameron hat Land in Neuseeland gekauft und zieht mit seiner Familie dahin. Ich finde, Neuseeland ist ein sehr guter Ort zu arbeiten, weil du dich auf das konzentrieren kannst, was du wirklich tun willst.

PiN: Ist die Ablenkung nicht so gross wie zum Beispiel in Amerika?

W: Ja, das trifft wohl exakt zu.

PiN: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

W: Ebenfalls danke – und viel Spass bei dem Gig.

 

Label-Seite mit einigen KERRETTA-Songs im Stream

 

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