Ja, keine:r kann es so wirklich noch hören, das böse C-Wort. Deswegen haben wir es im Titel auch gleich mal umschrieben.

Wir wissen alle, dass die anhaltende Pandemie gravierenden Einfluss auf unser aller Leben hat und so natürlich auch auf das Schaffen all jener Lieblingskünstler:innen, von denen wir uns nun vielleicht am ehesten erhoffen, dass sie während der vielen Downtime möglichst viele neue Songs geschrieben haben, die wir bald zu Ohren bekommen. Aber wir wollen hier gar nicht druckvoll klingen. Viel mehr interessiert es uns, zu erfahren, was denn gerade wirklich so abgeht in der Szene.

Vor allem aber auch ist es vielleicht gerade eine tolle Gelegenheit, wieder neue Bands zu entdecken und kennen zu lernen. So haben wir uns zuletzt mit Darren Johns (Vocals, Gitarre, Lyrics) der US-amerikanischen Band – oder sagen wir eher Kollektiv – Crazy Arm (Xtra Mile Recordings) unterhalten. Viel Spaß!

Es sind verrückte Zeiten. Hast du in der Zwischenzeit ein Instrument gelernt oder sprichst du neue Sprachen?

Auf jeden Fall. Ha, ich habe nichts Neues gelernt, aber wir haben irgendwie eine Platte fertiggestellt! Und ich habe eine neue Punkrock-Side-Band mit Jon [Dailey – Gitarre, Bass] gegründet. Irgendwann werden wir eine EP herausbringen. Wir haben auch unsere eigenen Videos für zwei der Songs vom neuen Crazy Arm Album gemacht. Jon kaufte sich ein digitales Schnittprogramm und lernte, wie man es bei der Arbeit benutzt. Es war also großartig, produktiv zu bleiben. Ich wurde auch freiwilliger Responder für den NHS und half dabei, Menschen, die sich vor dem Coronavirus schützen mussten, mit Medikamenten und Lebensmitteln zu versorgen und Patienten ins Krankenhaus zu bringen. Das war ein Augenöffner. Abgesehen davon habe ich einfach in einem Zustand des Scheintods gelebt.

Welchen Einfluss hatte Corona auf die neue Veröffentlichung?

Wir hatten bereits vier Jahre gebraucht, allerdings nur 21 Tage tatsächliche Studiozeit, also kam Covid genau zum falschen Zeitpunkt für uns, um dem Album den letzten Schliff zu geben. Aber wir haben es geschafft, im August für einen Tag ins Studio zu gehen und es fertigzustellen. Jetzt ein Album zu veröffentlichen ist wahrscheinlich die dümmste Idee, die wir je hatten, aber wir konnten es einfach nicht länger hinauszögern! Zum Glück hat unsere Plattenfirma, Xtra Mile, zugestimmt. Covid hat sich definitiv auf die Menge an Presse ausgewirkt, die wir erhalten haben, da so viele Magazine mit einer dünnen Personaldecke arbeiten. Und die physischen Kopien des Albums wurden durch die Pandemie aufgehalten. Und obendrein können wir überhaupt nicht touren. Es ist also ein Chaos, wirklich! Aber wir sind sehr erleichtert und glücklich, dass es jetzt nach so langer Zeit draußen ist.

Ihr seid ja mittlerweile ein großes Kollektiv. Wie organisiert ihr das?

In der Crazy Arm-Großfamilie gibt es mittlerweile etwa 15 Leute, aber wir machen nur Shows oder gehen mit vier bis sechs Leuten gleichzeitig auf Tour. Neben den beiden Kernmitgliedern, mir und Jon, haben wir fünf Schlagzeuger, drei Bassisten, zwei Geiger, einen Trompeter und zwei Harmonie-Sängerinnen zur Auswahl. Wenn wir Akustikshows spielen, kann es schon mal komplizierter werden, aber die Rockshows sind meist in der gleichen Besetzung. Ich genieße die Frische eines wechselnden Line-Ups – es hält uns auf Trab.

Wer ist am Songwriting beteiligt?

Ich schreibe so ziemlich alles und Jon steuert eine Menge großartiger Ideen für Gitarre und Bass zu den Songs bei. Natürlich trägt jeder seinen Teil dazu bei, die Songs zu arrangieren und seine Persönlichkeit durch sein Instrument einzubringen. Ein paar Songs sind in der Vergangenheit aus Jams entstanden, aber sie werden zu Hause bearbeitet, sobald die Grundidee da ist. Für die neue Platte habe ich zu Hause viele grobe Demos gemacht, die ich dann an Tim [Langsford – einer der beiden Schlagzeuger, die auf dem Album mitgespielt haben] geschickt habe, und dann haben wir als Trio geübt, um sie in Form zu hämmern. Unsere Fiddle-Spielerin auf dem Album, Samantha Spake, und ich haben die Melodien für die ‚Dearborn‘-Zwischenspiele mitgeschrieben. Das ist eine meiner Lieblingsstellen auf dem Album.

Ihr seid oft als Support-Act gesehen worden. Was war eure beste Support-Tour bisher?

Immer die Brautjungfer, nie die Braut! Wir hatten auch einige großartige Headline-Touren, aber ich schätze, dass weniger Leute von ihnen wissen. Meine Lieblingstour als Support war mit Against Me! im Jahr 2011. Ich hatte gerade erfahren, dass meine Mutter Lungenkrebs hatte, also war es eine emotionale Erfahrung. Aber zwei Wochen lang jeden Abend mit AM! zu spielen und ihnen zuzusehen, war genau das, was ich brauchte. Aber eine unserer schönsten Erinnerungen war Chuck Ragan, der jeden Abend mit uns ‚International Front‘ sang, als wir 2010 mit ihm und Frank Turner auf Tour waren. Besondere Erwähnung müssen auch unsere guten Freunde Larry & His Flask finden, mit denen wir schon ein paar Mal getourt/gespielt haben. Immer ein absolutes Vergnügen.

Gibt es irgendwelche Städte, in die ihr gerne reisen würdet?

Im Moment wäre jeder Ort ein absolutes Vergnügen. Wir lieben es, in jeder Stadt zu spielen, die uns aufnimmt, aber ich habe eine Schwäche für Den Bosch, Le Havre, Dijon, Tours, Graz, Wien, Heidelberg, Hamburg, Prag, Ljubljana, Athen, Brighton, Lincoln, Norwich und London. Ich habe vor ein paar Jahren eine Teil-Solo-Tour mit Larry & His Flask an der US-Südküste gemacht und es gab so viele erstaunliche Orte, nicht zuletzt Bend, Denver, Los Angeles und San Diego. Ich hoffe, dass die ganze Band eines Tages dort touren kann.

Wenn du an euer neues Album denkst, welchen Song sollten wir uns als erstes anhören?

Ich denke, wir würden einstimmig Fear Up sagen. Wir haben ihn als Single und Video veröffentlicht, kurz bevor das Album herauskam. Er klingt, zumindest in unseren kleinen Köpfen, wie Ennio Morricone, der die Constantines dirigiert. Es ist ein viel dunklerer und strukturierterer Song als alles, was wir bisher gemacht haben, und unser guter Freund Simon Dobson spielt die Trompete. Er ist ein verehrter Dirigent/Komponist und ein absolutes Genie.

Habt ihr noch andere Tipps für uns?

Ich fühle mich nie in einer guten Position, um Tipps zu geben! Aber ich denke immer an den Albumtitel von Flux Of Pink Indians, wenn ich um so etwas gebeten werde: ‚Strebe danach zu überleben, indem du so wenig Leid wie möglich verursachst‘. Und hier noch ein Tipp zum Abschließen: Verpfeifen Sie Ihre Nachbarn nicht – behalten Sie die wirklichen Bastarde im Auge: Polizisten, rechte Politiker, Neonazis, Slumlords, das Übliche.

Das neue Album der Band heißt Dark Hands, Thunderbolt und ist am 29. Januar 2021 über Xtra Mile Recordings erschienen. Produzent (Aufnahme, Mix & Master) ist Peter Miles (We Are The Ocean, Canterbury).
Bei jpc.de gibt es die Platte HIER zu kaufen.

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