Interview – Van Dammes

Van Dammes – Garagen-Punk im Katzen-Garten.
Als die beiden Van Dammes Sänger (plus Gitarre beziehungsweise Synthies) Juho und Markus den schön beleuchteten Schokoladen-Hinterhof entern, trifft fast zeitgleich die offensichtliche Besitzerin des Areals, von Berlin Mitte und dem Benehmen nach auch vom Rest der Welt ein. Er / sie / es nimmt in Harrison-Ford-Manier als “Der einzige Zeuge” auf einem erhöhen Podest Platz, um uns bei größtmöglicher Präsenz zu ignorieren und gleichzeitig unter Beobachtung zu halten.

Die sehr angenehme Kommunikation ist generell ein wenig auf Schlingerkurs gebürstet, denn VAN DAMMES haben gerade eine neunstündige Autofahrt von Wien nach Berlin hinter sich gebracht, während der Schreiberling eine halbstündige Radfahrt durch den Weltuntergang mit Sturm, Hagel und Regen absolviert hat. Die Sonne zeigt beim Ankommen am Rosenthaler Platz einen Caspar-David-Friedrich-mässigen Showdown. Immerhin ist das Aufnahmegerät noch intakt, da es in der notwendig gewordenen Ersatz-Hose eingewickelt war.
Der punkrockige Schokoladen befindet sich in einer ziemlich gentrifizierten Gegend. Ein paar Meter weiter gibt´s den ebenfalls linken Laden”Subversiv” und fußläufig ist das “Bandito Rosso” nicht weit. Andere Post-Wende-Urgesteine wie der “Eimer” sind leider verschwunden. Sie mussten weichen: für ungeheuer wichtige Klamottenläden, Imbiß-Stuben und Kaffee-Ketten, wo Leute mit Notebooks drin sitzen und Sätze sagen wie:”Die neuen Kollektionen haben so gar nichts Frisches” (okay, von Loriot geklaut) oder: “Jean-Luc und Hannah, wir gehen jetzt in den Bioladen, weil Zimt-Gänseblümchen-Acerola-Joghurt mit Chia-Samen im Angebot ist” (ausgedacht) und “Amelie kann heute nicht von der Babysitterin zum Kinder-Yoga gebracht werden, weil sie einen Termin bei ihrer Astrologin hat” (in echt gehört und sogleich kichernd notiert).
Wenn Finnen englisch sprechen, hört sich das wirklich toll an. Es folgt ein Interview aus der Rubrik “Alle reden nicht in ihrer Muttersprache”:
Juho: Bis jetzt war es sehr gut. Heute ist unser fünfter Abend. Bisher gefiel es uns in Wien am besten. Morgen fahren wir nach Leipzig und dann leider wieder zurück nach Helsinki.
Markus: Das Lied befindet sich auf unserer zweiten EP und ist sozusagen eine Single.
J: Die Dreharbeiten waren ziemlich anstrengend, denn diese fanden vor gut einem Jahr in Helsinki statt, im Januar. Draußen hatte es bis zu minus fünfzehn Grad.
M: Für die erste EP hatten wir zwei Videos gemacht, die waren mehr mit animiertem Zeug. Dieses Mal wollten wir unsere schönen Gesichter in die Kamera halten.
J: Dazu dachten wir, es wird interessant sein wenn wir zeigen wie hart Helsinki im Januar ausschauen kann.
M: Ich finde es total in Ordnung, so lange die Leute verstehen das es sich bei seinen Filmen nicht um die Realität handelt. Kaurismäki ist der bekannteste Regisseur Finnlands und er hat seinen Stil etabliert, den er gerne wiederholt. Denk mal an Emir Kusturica und seine Filme wie “Time of the gypsies”. Es ist nicht unbedingt ein Abbild der Wahrheit, da auch noch andere Dinge vor sich gehen. Was lustig ist: neben unserer alten Wohnung gibt es eine sehr kleine Bar, in der hat Kaurismäki für “Der Mann ohne Vergangenheit” gedreht.
J: Ja – wir haben die ganzen Ostertage im Studio verbracht. Markus lebt in Brüssel und wir haben uns über die Feiertage gesehen und nonstop gearbeitet, weil sich diese Tage besonders gut dafür eignen.
M: Wir konnten uns effizient unserer Musik widmen und haben neun neue Lieder aufgenommen.
J: Vielleicht…
M: …wir haben vorhin im Bus gerade darüber gesprochen, ob es eine EP oder ein Album sein wird. Beschlossen haben wir noch nichts.
J: Unser Label möchte vielleicht auch noch etwas dazu sagen.
J: Wir beide!
M: Unser Drummer hat jetzt aber auch einen geschrieben.
J: “Punk Rock Drummer.” Es ist sein erstes Lied für uns.
M: Ich höre eigentlich gar keine Punkmusik.
J: Sondern eher Jean Michel Jarre (lacht).
M: Die mögen wir auch bis zum heutigen Tag, und zwar seitdem wir Teenager sind. Wir haben sie vor drei Jahren auf einem finnischen Festival live gesehen. Sie haben ja gerade eine neue Platte draußen. Eben im Van haben wir darüber gesprochen, dass sie schon ein bisschen älter sind. Sänger Neil ist jetzt glaub ich 61 geworden. Besonders gut finde ich “Paninaro”, was Keyboarder Chris singt.
J: Pet Shop Boys waren am Anfang beeinflussend für uns, aber ich weiß nicht ob du das bei VAN DAMMES noch raushörst.
J: Meinem Eindruck nach stecken da eher die Ramones drin.
M: Ja – ich mag zum Beispiel auch Depeche Mode.
J: Als wir mit VAN DAMMES anfingen mochten wir eine schwedische Band namens Holograms. Das war für uns ein Kickstart, weil wir sie in Brüssel live gesehen hatten. Das war schon ziemlich Punk und Garage, aber auch New Wave: sie hatten einen Synthie auf der Bühne. Wir beide sind zusammen aufgewachsen und wenn du neun Jahre alt bist hörst du als Kid natürlich die gleichen Bands. VAN DAMMES ist nicht unser erstes gemeinsames Ding. Uns ist immer wichtiger geworden, gute Songs zu schreiben und Spass zu haben. Die Beeinflussung durch Pop ist wohl nicht zu leugnen. Ansonsten dreh ich meine Gitarren Petals gerne so laut auf wie es nur geht.
M: In der vorherigen Band hatten wir zwei Gitarren: das war ein ewiges Battle.
J: Das lässt sich so direkt nicht sagen. Die Station hat unsere EP als Album der Woche ausgewählt, aber es war kein Wettbewerb.
J: Ja. In Bezug auf Helsinki betrachtet ist das schon eine größere Radiostation. Sie ist nicht wirklich riesig, aber da Helsinki als Stadt relativ überschaubar ist, hat es uns doch geholfen. Wir hatten auch ein Interview dort und haben letzten August live bei ihnen gespielt. Wenn du mit dieser Art von Musik Airtime bekommst, dann ist das natürlich ´ne prima Sache.
M: In Finnland gibt es nicht viele Radiostationen, die solche Musik spielen.
J: Es kommen ziemlich viel punkige Leute zu unseren Shows in Helsinki. Es gibt eine Indie- und Punk-Szene, die relativ groß ist. Die Leute gehen viel weg um Shows zu sehen, und wir können sagen das sich in dem Bereich eine ganze Menge tut. Es gibt ein paar verschiedene Venues, wie das Lepakkomies, was nicht weit von uns weg ist.
M: Ja: Kallio ist eine Ecke für Punks und alternative Leute, wobei auch Hipster dort sind. Alles in allem ist es eine gute und interessante Kombination von Leuten, inclusive vieler Studenten.
J: Punks und Hipster sind in der gleichen Gegend. Helsinki ist ja nicht so groß wie zum Beispiel Berlin. Markus und ich haben mal eine Wohnung in Kallio geteilt.
J: Ganz klar ja.
M: Wenn du in irgend einer Form alternativ in Finnland bist, kann das etwas problematisch sein, besonders wenn du im Norden oder im Osten des Landes lebst. Dort gibt es zusätzlich das Thema von immer leerer werdenden Gegenden. Wir kommen ursprünglich aus Lahti, was hundert Kilometer von Helsinki entfernt und bekannt für seinen Wintersport ist.
J: Die meisten Leute sind von woanders nach Helsinki gezogen.
J: Die Vorfahren von Markus kommen aus Deutschland und Berlin. Sein Opa hatte eine Bäckerei in der Simon Dach Strasse.
M: Nein, da ist jetzt so ein schrottiges Restaurant.
M. Es ist die Schuld meiner Familie. Das tut mir leid!
(Alle lachen)
J: Zu dritt hängen wir ständig in Helsinki rum…
M: …und zu viert sehen wir uns dann einmal im Monat. Es wäre cool wenn wir uns öfter treffen können, denn…
J: …wir sind alle befreundet.
M: Wir haben teilweise zusammen in anderen Bands gespielt und hatten mal einen Major-Vertrag, aber wir wollten dann mit einer anderen Band in englisch singen, damit wir auch mal in eine Stadt wie Berlin kommen können.
J: Wir hatten irgendwann keine Lust mehr auf typische Indie-Musik, die wir zwar lieben, aber wir wollten mehr Spaß in die Sache reinbringen, vor allem was die Live-Umsetzung angeht: VAN DAMMES bedeutet Party und Bier trinken!
M: Wir kamen da drauf, weil wir in Brüssel die Holograms live sahen: am anderen Tag liefen wir verkatert durch die Stadt und dann sahen wir eine Statue von Van Damme.
J: Es ist jetzt nicht so das wir alle seine Filme gesehen haben..
M: Ich hab einen gesehen.
J: “The Expendables”. Nicht wirklich ein guter Film.
(Lachen)
J: Immerhin gibt es auch einen Läufer, einen Fußballer und einen Jazzmusiker namens Van Damme.
M: Gegenüber von dem Haus wo ich in Brüssel wohne gibt es eine Metzgerei die so heißt.
Der gut besuchte Gig im Schokoladen war wirklich super, wenn auch nicht wahnsinnig lang. Um 22 Uhr ist nämlich Schicht im Schacht aufgrund lärmempfindlicher Nachbarn. Zumindest was Konzerte angeht. DJs legen bis zum Morgengrauen auf. An jenem Abend wurde auch die VAN DAMMES-Beeinflussungs-Band Holograms gespielt. Das hat die Jungs natürlich gefreut.
Hoffentlich sind sie bald wieder on the road und auch in Deutschland und Berlin zu Besuch – dann mit weiterem Songmaterial auf EP oder Albumlänge im Gepäck.
Van Dammes bei Facebook!
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