Ich glaub‘, ich glaube nicht ans Glücklichsein.


Max Rieger, der Sänger und Gitarrist der Stuttgarter Post-Punk Gruppe „Die Nerven“ veröffentlicht am 23. September sein drittes Solo-Album. Max Rieger hat sich seine „Welt in Klammern“ aus filigranen Gitarren, knarzenden Bässen und unzähligen Drones erbaut. Es ist ein wunderbares Stück düsterer Pop-Musik geworden. Pretty in Noise sprach mit Max Rieger über das grandiose Scheitern, Steve Reich und das Glück.

Auf Facebook behauptest du, dass du im Schaffensprozess des neuen Albums „grandios gescheitert“ bist. Was heißt das denn genau?

Ich hatte, bevor ich die Platte gemacht habe, so ein auditives Bild vor Augen, was für ein Erlebnis dieses Album werden sollte. Was ich mit dem „grandiosen Scheitern“ meine ist, dass die Platte natürlich etwas ganz anderes geworden ist. Etwas anderes als ich mir da als „perfekte“ Platte ausgemalt hatte.

Dabei sangst du 2014 doch noch „Nie wieder scheitern“!

Schmunzelt Na ja, das war jetzt auch nicht so direkt wörtlich gemeint.

Du hast im Vorfeld eine riesige Menge an Songs geschrieben – über 160! Wie wählt man aus so einem Korpus die richtigen zehn aus?

Das Ergebnis sollte ein roter Faden sein, der sich spürbar durch das Album zieht. Ein bisschen wie bei einem Konzeptalbum. Da muss man ausprobieren, welche Songs am Besten als Opener taugen, welche stimmungsgemäß am ehesten ineinander übergehen, welche in welcher Position der Platte am besten funktionieren. Wie so lauter Zahnräder, die dann am Ende eine Album-Maschine formieren. Man muss die richtigen Einzelteile finden.

Umso beeindruckender, dass aus so einem gigantischen Song-Pool so ein stringentes Album entstanden ist! Apropos roter Faden: Was bedeutet der Albumtitel „Welt in Klammern“ für dich?

Ich bin über den Begriff in einem Buch über Phänomenologie von Husserl gestolpert. Das hat mir ein Freund gegeben, damit ich den Bereich auch mal verstehe. Kann ich jetzt nach der Lektüre nicht unbedingt von mir behaupten… Trotzdem hatten die Worte eine gewisse Kraft, ganz besonders diese Formulierung: „Welt in Klammern“. Diese negative Bezeichnung vom Klammern, das Festhalten bis zur Verkrampfung. Oder eine andere Deutung: Das Wort „Welt“ in Klammern gesetzt, mit dem das Wort im Satz unsichtbar gemacht wird. Diese beiden Deutungsmöglichkeiten fand ich sehr geeignet zum Album.

Du nanntest den Komponisten Steve Reich als Einfluss für „Welt in Klammern“. Finde ich besonders bemerkbar im perkussiven Intro zu „Jeder Traum eine Falle“…

Das ist übrigens ein Teesieb! Lacht Ich schätze den musikalischen Ansatz von Minimalismus- Komponisten wie Reich sehr. Sie haben es geschafft, klassischen Instrumenten komplett neuartige Wirkung abzugewinnen. Klänge, die man vorher für unmöglich gehalten hätte. Die sind ihren komplett eigenen Weg gegangen. Das versuche ich auch mit meiner Musik. Klingt natürlich albern, in dieser vollkommen übersättigten Kulturlandschaft. Trotzdem ist das mein Anspruch: Mit bekannten Mitteln etwas zu erschaffen, was so noch nicht da ist.

Diese Zweckentfremdung der Instrumente macht sich ja auch sehr in den vielen Ambient- Sounds und Drones auf dem Album bemerkbar.

Ja. Kommt natürlich auch von meiner Unfähigkeit, ein Instrument anständig zu spielen.

Wie schreibst du deine Songs? Stimmt das, dass du den Prozess mit einem einzelnen Drone beginnst?

Das ist tatsächlich sehr oft so! Ich kann idealerweise aus einem einzelnen Drone bereits den ganzen Song heraushören. Wie ein Bildhauer, der sich einen Stein anguckt. Kann aber auch sein, dass ich mit einer Schlagzeug-Spur oder etwas ganz anderem anfange. Ich muss diese erste Schicht hören, dann kommen die anderen relativ schnell dazu. Mein Songwriting besteht fast immer aus dem Übereinanderstapeln von Klang-Ebenen.

Im Oktober gehst du dann auf Tour. Wie planst du diese vielschichtigen Songs live umzusetzen?

Ich habe mit drei tollen Musikern sozusagen eine „All-Star“-Band gegründet: Thomas Zehnle (Wolf Mountains, Levin goes lightly), Jannis Pettersson (Walls & Birds) und Dennis Melster (The Blue Angel Lounge). Songs, die auf dem Album aus über 300 Tonspuren bestehen, lassen sich mit dieser Band sehr organisch auf Gitarren, Bass und Schlagzeug herunterbrechen. Um die letzten Lücken noch auszufüllen spiele ich zusätzlich Synthesizer und Sampler. Die Songs sollen nicht haargenau wie auf dem Album klingen, sondern live neu interpretiert werden.

Deine Texte wirken auf diesem Album sehr introvertiert, sehr persönlich. Woher kommt das? Woher nimmst du die Inspiration?

Schon, zu einem gewissen Grad. Bei vielen Dingen bin ich aber ganz froh dass ich nicht weiß, wo sie her kommen. Diese Worte fallen oft einfach von mir ab, ohne dass ich ihre Herkunft ergründen kann. Ich schreibe Texte immer in Momenten, in denen man eigentlich nicht denken kann: Zum Beispiel wenn man hungrig ist oder müde, wenn man gerade seinen Zug verpasst hat, oder auf einen wartet. Wenn man in diesen Zwischenräumen der Zeit ist. Ich brauche so etwas um mich. Ich kann mich nicht einfach hinsetzen und einen Text schreiben. Ich bin sehr viel unterwegs und verkehre viel in diesen Zwischenräumen – da kommen die Worte ganz von selbst.

Und wie gehst du bei der Musik vor?

Da bin ich viel produktiver: Wenn nach dem Aufstehen alle E-Mails und der ganze Social- Media-Quark abgehakt sind, geh‘ ich am liebsten direkt an die musikalische Arbeit. Danach ist der Tag aber fast immer gelaufen. Ich muss schon bis zu einem gewissen Grad immer meinen Verstand verlieren.

Eine letzte Frage: Deine Musik, ob jetzt bei All diese Gewalt oder Die Nerven, wirkt grundsätzlich von Unzufriedenheit, von Verzweiflung getrieben. Was macht dich – als Mensch – glücklich?

Ich glaub‘, ich glaube nicht ans Glücklichsein. Also, ich glaube nicht dass so etwas wie „Glücklichsein“ als Zustand existiert. Glück, das ist eine Frage von einer Mikrosekunde. Ich glaube eher ans „Zufriedensein“. Glück als dauerhafter Zustand hat so etwas utopisches. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen dieser amerikanischen Utopie hinterherhetzen, diesem „Streben nach Glück“. Wie dieser weinerliche Film mit Will Smith. Dabei finde ich das Streben viel interessanter und produktiver als das Ankommen. Für das tatsächliche Finden des Glücks ist Nietzsche ein schönes Beispiel: Der hat sich sein ganzes Leben lang am Christentum und den Abgründen der Menschheit abgearbeitet. Und am Schluss entschließt er sich, das möchte ich ihm mal unterstellen, der geistlichen Umnachtung zu verfallen! Er wird plötzlich Christ und findet seinen Frieden. So etwas könnte ich mir fast für mich vorstellen! Bis dahin hab ich aber noch einiges vor.

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