CITY LIGHT THIEF – Vom Reisen und nicht Ankommen

Spannend, entspannt, ziellos, homogen, oder auch eben nicht… Es scheint zahlreiche Attribute zu geben, die man „Vacilando“ zuschreiben kann. Auch solche, die sich doch erst mal widersprechen. Aber ob nun von Hörer- oder Bandseite wird keines davon rigoros abgelehnt. Es scheint im Hause CITY LIGHT THIEF also chaotisch herzugehen. Ob das ein Störfaktor sein muss, um eine gute Platte aufzunehmen, kann man die Band fragen. Ob das Ergebnis nach Klumpatsch klingt oder doch rote Fäden zu finden sind – darüber möge sich der geneigte Hörer selbst ein Bild machen.

PiN: Der Titel „Vacilando“ suggeriert ja eine Ziellosigkeit und darauf wird in Rezensionen zur Platte gern rumgeritten. Ist das tatsächlich ein treffender Begriff zum Album und seiner Entstehung?

Benny: Das Wort klingt so negativ. Und so hat es sich in dieser Zeit für uns nicht angefühlt. Wir haben uns nur einfach keinen Druck gemacht. Also keine festen Termine angesetzt und auch nicht auf Erwartungen von den Hörern geachtet. Wir haben uns keinen Zwängen ausgesetzt. Ich würde die Entstehung der Platte eher entspannt als ziellos nennen. Beim ersten Album einer Band ist ja ohnehin kein Stress da, es ist alles neu. Beim zweiten Album werden die Leute schon mal ungeduldig und wenn nach fünf Jahren immer noch nichts kommt, interessiert das irgendwann keinen mehr. Wir haben versucht solche Dinge außer acht zu lassen und die Platte einfach so gut wie mögich zu machen. Dafür haben wir auch mal einen Studiotermin verschoben. Bei „The Music of Chance“ hatten wir nur sieben Tage Zeit und ein festes Konzept. In dieser Richtung mussten wir diesmal nichts einhalten und konnten auch mal Pause machen.

PiN: Ihr schreibt die Texte zusammen. Wie funktioniert das mit so vielen Leuten?

Benny: Ich bin einfach sehr langsam beim Schreiben. Bei diesem Album hat Bringo viel geschrieben, Tobi auch. Es ist aber schon so, dass einer von uns einen Text schreibt und dann besprechen wir das in der Runde. Alle sollten die Texte okay finden und niemandem soll was unangenehm sein. Ich hab mich auch mal mit Bringo getroffen und zusammen getextet. Da muss man immer erklären, was man meint, wenn man mit einer Idee anfängt. Und weil wir uns alle kennen und wissen, wie das Leben vom anderen aussieht, ist das schon mal unangenehm.

Tobi: Die Texte bei uns sind auch nicht offensichtlich. Und ich hab gemerkt, dass ich auf jeden Fall ein Problem damit habe offenzulegen, was dahintersteht. Irgendwas wird aber immer umgeschrieben, wenn wir darüber sprechen. Die Bandbreite, wie das ablaufen kann, ist sehr groß.

PiN: Ich finde, dass die Songs auf „Vacilando“ sich sehr voneinander unterscheiden. War das so angestrebt?

Tobi: Von meiner Seite war das vorher nicht so gewollt. Die Songs haben wir wie immer zusammen geschrieben und das ist einfach dabei rausgekommen. Der Name der Platte passt bei dem Thema einfach super. Für mich ist die Frage, wo die Platte eigentlich herkommt, weil das alles einfach so passiert ist. Das Gefühl, dass die Songs sehr unterschiedlich sind, habe ich auch und ich bin gespannt, wie „Vacilando“ aufgenommen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass man sagt, dass wir keinen Stil haben. Die Songs an sich finde ich super.

Benny: Bei „Laviin“ ändern die Songs öfter die Richtung und ich finde das nach wie vor cool. Aber jetzt machen die Songs in sich mehr Sinn. Wenn man einen davon aus der Platte rauszieht, steht er mehr für sich. Bei „Laviin“ kann man sich zum Beispiel „Golden roots“ anhören und denken, dass das eine CAPTAIN PLANET-Coverband ist und beim nächsten ist es wieder anders. Die neuen Songs zeigen besser, wer wir als Band sind. Die stecken eher ein Terrain ab.

PiN: Aber die Songs ergeben schon auch im Albumkontext Sinn?

Benny: Ja, aber auf eine bessere Art und Weise.

Tobi: Wenn man bei diesem Schubladendenken bleiben will, dann kann die Platte einem unlogisch erscheinen, aber wenn man sich davon löst und bedenkt, dass vier Songwriter am Start sind, muss man es als eine Art Song-Kollektiv verstehen, nicht als alles „aus einem Guss“. Ich habe mir die Frage, ob das zusammengeht, schon auch gestellt. Man kann aber, glaube ich, nicht erwarten, dass es wie aus einem Guss klingt. Ich finde das okay. Und ich finde es auch total langweilig, wenn auf einer Platte jeder Song gleich klingt.

Benny: Auf vielen Platten gibt es einen Hit und der Rest klingt dann irgendwie so ähnlich. Aber die hört man sich dann selten an.

PiN: Liegt darin für euch auch der größte Unterschied zu „Laviin“?

Tobi: Ich finde, die Songs sind konsequenter. Ich könnte mir vorstellen, dass die Platte zugänglicher ist, als es bei der letzten der Fall war.

Benny: Ich hab den Eindruck, dass die Platte etwas härter ist, eben weil die Songs konsequenter sind.

PiN: Ich hab das Gefühl gehabt, dass es auf „Vacilando“ viel um Selbstbetrachtung geht, was ein sehr persönliches Thema ist. Und da frage ich mich, wie man so was zusammen schreibt.

Tobi: Die Texte haben schon immer jeweils einen Autor, der seinen Stempel aufdrückt. Da wird zwar noch mal rumeditiert, weil es vielleicht nicht genau zum Song passt. Aber das Grundsätzliche bleibt bestehen. Ich bin im Moment noch nicht in der Lage auszumachen, was die Grundidee der ganzen Sache ist. Ich stecke da gerade noch zu sehr drin. Das wird wohl noch etwas dauern.

Benny: Ich muss mich etwas mehr mit den Texten beschäftigen, was anderes mach ich ja nicht. Es ist wichtig, einen Bezug dazu aufbauen. Von meiner Seite geht es um Unzufriedenheit mit einem selbst. Man reflektiert sich ja selten bis nie. In dem Zusammenhang passt es wieder, dass die Platte „Vacilando“ heißt, es geht irgendwie ums Reisen. Wir fühlen uns alle wie nicht angekommen. Wir sind immer noch dieselben Leute, die auch die letzte Platte geschrieben haben. Wenn man sich selbst anguckt, überstrahlt das Schlechte immer das Positive, daher ist auch keiner der Songs fröhlich. In „Panica“ geht es aber ausnahmsweise tatsächlich darum, was man gut gemacht hat. Auch wenn die Texte mal jemand anderes geschrieben hat, spreche ich mit demjenigen darüber und mache mir meinen eignen Reim darauf.

PiN: Ist die Thematik von „Vacilando“, dieses rastlose Reisen, nicht sehr ähnlich zu der von „The Music Of Chance“?

Benny: Das kann schon sein, da haben wir aber nicht drüber nachgedacht. In dem Roman „The Music Of Chance“, der für uns Vorlage war, geht es um einen Typ, der sich einfach treiben lässt und sich keinem Zwang unterwirft. Auf der EP ging es um diese Geschichte und „Vacilando“ handelt konkret von uns selbst. Die Texte sind ja wie gesagt von drei verschiedenen Leuten, aber wir sind alle junge Männer Mitte 20, die ähnliches bewegt und die sich da auch treffen können. Die Texte beschreiben sicherlich eine ähnliche Phase, aber ohne einen solchen poetischen Hintergrund, wie bei „The Music of Chance“. Vielleicht hat uns der Umgang mit dem Roman ja unbewusst inspiriert und weiter beschäftigt und daher kommt die Überschneidung. Was man aus dem Buch raus ziehen kann ist, dass man sich über sein Leben bewusst werden muss. Was hat man erreicht und was nicht wie bewertet man Situationen. Man betrachtet sich selbst von außen und das macht die Figur Jim Nashe im Roman auch.

PiN: In eurem neuen Video zu dem Song „Panica“ lasst ihr Ballerinas tanzen. Wo besteht da der Unterschied zu dem Inhalt des Songs? Dient das Video da nur ästhetischem Beiwerk?

Benny: Textlich besteht da natürlich erst mal kein Zusammenhang. Die Idee dahinter war zu einem der härtesten Songs der Platte einen Kontrapunkt zu schaffen. Deswegen haben wir auf diese Art den Song mit diesem schönen Motiv verbunden. Der Text des Songs geht ja auch eher in eine positive Richtung. So kann man sehen, dass ein harter Song nicht unbedingt angepisst sein muss.

PiN: Man liest im Zusammenhang mit euch häufiger Worte wie „eine der spannendsten Band“ und ähnliches. Was glaubt ihr woher dieser Eindruck kommt?

Benny: Puh, das ist natürlich ein super großes Kompliment. Ich könnte mir vorstellen, dass es daran liegt, dass der Zugang zu unserer Musik nicht immer ganz einfach ist. Live kann das schonmal leichter scheinen, aber es kommt halt immer Hardcore auf Orgel auf Chor. Wenn man sich Zeit nimmt, kann man da glaube ich aber auch so eine gewisse Homogenität erkennen. Wir brauchen immer viel Platz zwischen den Genres und das meinen die Leute vermutlich, wenn sie „spannend“ sagen. Uns liegt es nicht nur ein Genre zu bedienen. Wir brauchen diese Mischung, aber da sind auch immer lichtere Momente. Ich glaube, man kann unsere Platten dadurch auch länger hören und ist nicht so schnell satt. Ich zumindest, hör mir „Laviin“ immer noch gern an.

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