Beim nächsten Ton war es Freitag und nach dem Feierabend aus dem Homeoffice verbleibt trotzdem noch ein „Call“ im Kalender.

Durch all die Lockdown-Geschmacksrichtungen die 2020 geprägt haben, hat sich die Kommunikationsform „Videokonferenz“ doch arg im Leben vieler etabliert und doch: Eine besondere Stimmung liegt in der Luft, als sich die Mitglieder der Slowcore-Gruppierung Noesy zum prettyinnoise.de-Interview einwählen.

Ebendiese hat am 31.12.2020, quasi beim Verabschieden des letzten Jahres an der Tür, ihr Debut Spin veröffentlicht und trotz allgemeinem Verkaufsverbot für Raketen und Böller ein beachtliches Feuerwerk gezündet, das ich hier ausführlicher bespreche.

Guten Abend zusammen! Etwas ungewohnte Situation per Video-Call ein Interview zu führen, oder? Ist das für euch auch das erste Mal?

Alex Roth: Für mich ja!
Leni Roth: Für mich ist es das erste Interview, das ich mache.
M.B. Jericho: Es ist ja auch deine erste Band nach Tincan Folklore.
Albrecht Kash: Ich bin zwar nicht aufgeregt, aber es ist auch mein erstes Mal.

Die große Flutwelle an Presseanfragen nach eurem Release steht dann wohl noch bevor! Meine Google-Recherche für den Begriff NOESY hat mich relativ schnell zur Abkürzung eines bestimmten chemischen Experiments, im genauen „Nuclear Overhauser Enhancement Spectroscopy“, geführt. Bin ich da auf der richtigen Fährte?

Leni Roth: Ja. Ich habe Chemie studiert und es ist der Name eines Experiments, das da oft vorkam. Mir gefällt das Wort und es sieht geschrieben sehr schön aus. Interessant ist auch, dass man erst mal nicht weiß, wie es ausgesprochen wird. Im Studium haben die Professoren selbst oft „NÖSY“ oder „NO-ESY“ gesagt. In der Band selbst wurde am Anfang „NOE-SY“ gesagt, was ich auch schön fand.

Alex Roth: Ein bisschen wie POESIE!

Albrecht Kash: Ich musste auch erst von unserem Freund Dj Dingo Susi, der nicht mal in der Band ist korrigiert werden.

Leni und Alex, als Ehepaar, wie naheliegend sind Parallelen zum Musikerehepaar White, nur eben Roth? Spaß beiseite: Schreibt ihr die Songs zusammen und wie kann man sich das in dieser Konstellation vorstellen?

Leni Roth: Meistens ist es so, dass zu Hause einer von beiden eine Idee hat, die er dann vor sich hin spielt und dann den anderen nett auffordert, etwas dazu zu spielen.

Alex Roth: „Spiel mal ein schönes Gedüdel“ sagt Leni dann meist.

Das ist natürlich super, wenn man zu Hause immer direkt den Jam-Partner hat! Geschmäcker sind ja aber doch manchmal auch verschieden. Bringt ihr das immer unter einen Hut?

Leni Roth: Ich glaube wir haben generell schon eine ziemlich große Schnittmenge und haben uns für dieses Projekt schon von Anfang an für die Richtung Slow-Core entschieden. Alex hat daneben ja noch viele Projekte und mir ist nicht immer klar, wie er in all diese Richtungen schreiben kann.

Alex Roth: Ich glaube ein Punkt ist auch das Leni hier speziell eine Tenor-Gitarre spielt, die gut in dazu passt.

Interessant mit der Tenor-Gitarre! Wie stellt man sich das vor?

Leni Roth: Die ist generell eher klein, hat nur 4 Saiten und einen kurzen Hals. Gestimmt ist sie generell wie eine Ukulele. Da muss man, wenn man vom Standard-Gitarren-Tuning kommt, erstmal viel rumprobieren.

In meiner Review zu eurem Debut habe ich ja schon Bands wie Red House Painters oder Codeine als Referenzen identifiziert. Gibt es ein bestimmtes Album oder Werk das besonders viel Einfluss auf Spin hatte?

M.B. Jericho: Idaho!

Leni Roth: Ja, gerade das Album Hearts of Palm von Idaho habe ich fast nonstop durchgehört.

M.B. Jericho: Auf „Spin“ gedrückt quasi!

Alex Roth: Ich höre tatsächlich sehr viel Red House Painters und habe mich auch gefreut, dass die Band in der Review genannt wurde. Es kommen aber auch Einflüsse meiner anderen Projekte hinzu. Albrecht und ich spielen zusammen bei „Videowelt“.

M.B. und Albrecht, wo kommt ihr musikalisch her und wie habt ihr euch in diesen Sound gefunden?

Albrecht Kash: Als ich in die Gruppe kam, war das Album zu gewissen Teilen schon fertig. Ich komme generell aus dem Post-Rock und von daher hat es schon sehr gut gepasst.

M.B. Jericho: Ich kenne den Sound der beiden „Rossis“ schon gut von ihrer letzten Band „Tincan Folklore“. Als Jason-Molina-Freund sehe ich da Parallelen, obwohl der Sound bei Jason eher einen Alt-Country Einschlag hat. Generell wollte ich davon unabhängig gern Musik mit der Gruppe machen.

Albrecht Kash: Rein technisch gesehen ist die Musik einfach langsamer, was man beim Spielen genießen lernen muss.

M.B. Jericho: Im ersten Moment würde man denken, dass es einfacher wäre, langsam zu spielen. Bei dieser Langsamkeit oder Leere treten Aspekte, wie exaktes Zusammenspiel zwischen Bass und Schlagzeug, etwas mehr in den Vordergrund.

2020 war ja auch für Musik ein außerordentliches Jahr. Ich würde meinen das z.B. viele geplante Alben nach hinten geschoben wurden, weil natürlich in dieser Zeit kaum Promotion oder sogar Konzerte möglich sind. Ihr habt euch dennoch dafür entschieden, zu veröffentlichen. 

Alex Roth: Das Album war bereits seit Anfang 2020 fertig aufgenommen und produziert. Wir haben nicht super viele Labels angeschrieben, aber wir waren dann auch ein paar Wochen später schon in der Situation das man nicht mehr Proben konnte, sodass wir alle etwas inaktiv wurden. Dieses seltsame Jahr nahm dann seinen Lauf, die Ausgangssituation blieb aber gleich und wir wollten nicht ins Ungewisse warten, die Musik zu veröffentlichen. Man kann heutzutage mit Self-Publishing ja ein paar Sachen machen und ich fand es dann durchaus reizvoll, dass Album Jahres-Abschluss selbst zu veröffentlichen.

M.B. Jericho: Vom Sound her ist das Album auch nicht weit weg von einem Soundtrack zum Corona-Blues. Wir wollten für uns auch einen Haken an 2020 machen.

Wie war eure Erfahrung im Studio?

M.B. Jericho: Sportlich finde ich, das wir alles an zwei Tagen aufgenommen haben. Im Vorfeld haben wir natürlich sehr viel geprobt. Mit Jaike Stambach haben wir dann in einem ziemlich verrückten Neuköllner Kellerraum von Hans Unstern mit altem Holzboden und einer riesigen Harfe alle Instrumente live eingespielt.

Leni Roth: Eine Katze gabs auch!

Albrecht Kash: Ich fand Jaike auch sehr besonders. Ich bin schnell innerlich unsicher mit meinem Schlagzeugspiel und Jaike hat da von Anfang an eine positive Atmosphäre geschaffen, in der man sich wohlgefühlt hat. Ich mag auch den Sound, den er kreiert.

Leni Roth: Ja, seine geduldige Art! Am 2. Tag haben wir eingesungen und ich war anfangs wirklich sehr nervös, was sich mit ihm aber schnell normalisierte.

Nach allem: Wie zufrieden seid ihr mit dem Endergebnis? Gibt es Sachen, die ihr im Nachhinein anders machen würdet?

Leni Roth: Ich tendiere schon dazu, verstärkt zu sehen was nicht gut lief. Aber generell bin ich schon zufrieden. Es sind sicher ein paar schiefe Töne dabei, Alex sagt dann immer „Ach was, das macht es interessant!“. Man hört das selbst natürlich besonders stark heraus, wenn man selbst beteiligt ist. Bei anderen Bands stört mich sowas gar nicht.

Albrecht Kash: Bei mir gibt es genau eine Stelle die mich sehr stört, die verrate ich aber nicht!

M.B. Jericho: Ich denke das wir mit mehr Zeit vielleicht einige Passagen noch mehr gefüllt hätten.

Ich weiß das Leni und Alex kürzlich mehrere Bundesländer überquert und einen neuen Wohnsitz haben. Was bringt Zukünftiges bei NOESY?

Leni Roth: Trotz des Umzugs ist NOESY nicht beendet. Es gibt noch Songs, die wir in Berlin schon in der Band angefangen haben. Daneben gibt es auch noch weitere in verschiedenen Stufen der „Fertigkeit“.

M.B. Jericho: Material ist da, die Frage ist wie und wann. An dem Album haben die Leute auch erst mal ein Jahr zu knabbern!

Alex Roth: Leni und ich wohnen nun schon mehr als 8 Wochen 600km entfernt. Es fühlt sich aber gar nicht so an, weil man sich im letzten Jahr sehr auf das digitale Zusammensein eingestellt hat. Das mag vielleicht auch durchaus positive Wirkungen auf eine geographisch getrennte Band haben!

Besten Dank für eure Zeit und Internet-Bandbreite!

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