Fliegen mit Another Sky, Fliehen mit Robot Koch, 3G-Durchdrehen bei Schmyt – Der Freitag auf dem Reeperbahn Festival hatte einiges zu bieten. Überschattet von wachsendem Unmut der Besucher:innen über Wartezeiten von teilweise über zwei Stunden, um dann doch nicht reinzukommen.

Ich komme mittags am Festival Village hinter der U-Bahnstation St. Pauli an. Nachdem gestern ein etwas zerfahrener Tag war, stehen heute möglichst viele Konzerte auf dem Plan. Davor will ich mir ein Bild machen, was im Village so geboten wird. Da gibt es die üblichen Stände mit wunderschönen gemalten Konzertplakaten, die sonst am Spielbudenplatz stehen. Da gibt es den Future Playground, wo sich wichtigen Themen, wie der Klimakrise, nachhaltigem Festival-Gear wie Zelten oder Kleidung gewidmet wird. Dieser ist zum Zeitpunkt meines Besuches fast komplett verlassen. Es ist Klimastreik. Bundesweit, so auch in Hamburg, sind Kundgebungen und Demonstrationen angekündigt. Ich komme morgen wieder.

Es geht zum Spielbudenplatz. Dort beginnen gerade Black Sea Dahu auf der Spielbude XL Bühne. Die Band hat etwas Wanderzirkus-artiges wie die frühen Arcade Fire. Nur etwas mehr Wiegen und Fliegen, statt Durchdrehen und Abgehen. Der Platz vor der Bühne ist jedoch schon voll, niemand wird mehr in den Bereich gelassen. Ich geselle mich zu den Zuschauenden, die sich rechts neben den Absperrungen versammelt haben und über den Zaun schauen. Während die Band spielt, schnappt man immer wieder Fetzen von Unterhaltungen auf, wo deutlich wird: es läuft nicht gut dieses Jahr. Mehr anstehen, als ansehen – die Bevorteilung der „Delegates“ beim Einlass, also der Konferenzteilnehmer:innen und der Presse, sorgt für noch mehr Kritik.

Es geht weiter ins Häkken zu Bohemian Betyars. Die Schlange ist lang. Sehr lang. Da es keinen separaten Einlass für die Presse gibt, frage ich am Einlass und werde prompt an die Spitze der Schlange gestellt. Die Menge an Blicken, die mich durchbohrt, die Empörung in vielen Gesichtern, ist fast greifbar. Bohemian Betyars klingen so, wie wenn Borat Musik machen würde. Voller Energie, voller Chaos, mit ganz viel Selbstironie – aber immer gut gelaunt. Die fünf Ungarn spielen „Speed Folk Freak Punk“, ich hätte das vereinfacht Ska mit viel Balkan-Music-Einfluss betitelt. Das Publikum tut sich sichtlich schwer, auf den Markierungen zu bleiben.

Robot Koch in der St. Pauli Kirche ist als nächstes dran. Ich treffe Freunde dort, die sich bereits weit über eine Stunde vor Konzertbeginn in die Schlange gestellt haben. Als der Einlass beginnt, ist diese gut 150 Meter lang. Es heißt, dass zu den aktuellen Bedingungen ca. 130 Personen in die Kirche gelassen werden. Wie viele das sind, wer eigentlich schon gehen kann in der Schlange – unklar. Das äußert ein sichtlich frustrierter Festivalbesucher auch in Richtung der bemühten Einlass-Crew. Robot Koch spielt dann in der St. Pauli Kirche ein 40-minütiges Ambient-Set. Irgendwo zwischen Schiller und Space Night fliegen wir mit ihm los. Die Akustik ist grandios, die Atmosphäre packend.

Robot Koch | (c) Siiri Kumani

Nun geht es zu Schmyt ins Uebel & Gefährlich. Ex-Rakede-Sänger Julian Schmit hat sich dieses Jahr mit der EP Gift und der zuletzt erschienen Anti-Mobbing-Single Keiner von den Quarterbacks zu einem der spannendsten Acts gemausert. Beats von Haftbefehl-Produzent Bazzazian, dazu eine Stimme, die wunderschön klagen und ausrasten kann. Beim Einlass in die Venue gibt es bei mir und mehreren Gästen technische Probleme mit der App PartyMate, die das Publikum zum Einchecken benutzen muss. Die dicken Betonmauern des Bunkers stören den Empfang. Das führt soweit, dass einige nachdem sie unten den Einlass passiert haben, oben im vierten Stock vor der eigentlichen Tür wieder nach unten geschickt werden. Die App stürzt ab, wenn sie keinen Empfang hat. Vom Absturz zum Abriss. Das liefert Schmyt danach ab. Turmhohe 808-Bässe, Live-Drums mit Trap-Einschlag, düstere Synthflächen – und mittendrin Schmyt. Die Stimme klagt an, fleht, verliert sich, – da passt es, dass er den Song Taximann mit einem gefühlvollem Cover von Wicked Game von Chris Isaak einleitet. Von Schmyt wird man noch hören.

Jetzt soll es eigentlich zu Pillow Talk in den Molotow Club gehen. Der Einlass rückt näher, die Türsteher sprechen von 55 Plätzen mit 35 für das Festivalpublikum und 20 für Delegates und Presse, ich zähle ab. Es könnte klappen. Nicht. Ich bin der erste in der Schlange, als die Ansage kommt: wir sind voll. Schade! Zum nächsten Konzert auf der Liste, Another Sky, ist es noch etwas Zeit. Die Band spielt auch im Molotow Club. Ich gehe etwas Essen und nehme mir fest vor mindestens eine Stunde vor Einlass da zu sein.

Mir rutscht das Herz in die Hose, als ich wiederkomme. Die Delegates-Schlange ist erschreckend lang. Doch bald folgt die Aufklärung: anders als beim Festivalpublikum, gibt es hier nur eine einzelne Schlange für Molotow Club und Molotow Backyard. Das sorgt bei den Anstehenden mehrfach für Verwirrung. Die meisten in der Schlange wollen zu The Hanged Man im Backyard. So klappt es dann auch mit dem Einlass für Another Sky. Die Band hatte 2020 mit I Slept On The Floor eines der spannendsten Alben veröffentlicht. Musikalisch zwischen alt-J, Kate Bush und Dresden Dolls angesiedelt, ist es vor allem Catrin Vincents Stimme, die über allem schwebt. Da ist Jeff Buckley drin. Und PJ Harvey. Und Amanda Palmer. Und doch irgendwie ganz eigen. Ganz, ganz viel Gefühl. Vor dem letzten Song verkündet Vincent, dass dieses Konzert das letzte für eine Weile sei. Es gäbe keine Pläne sich aufzulösen, aber man pausiere. Das mache ich jetzt auch.

Titelbild: Reeperbahn Festival | (c) Reeperbahn Festival

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