Das Original des Denovali Swingfests findet seit jeher in Essen statt. Nach 2009 und 2010 durfte ich dem Spektakel zum dritten Male beiwohnen, mein erstes Mal in der Weststadthalle.

2009 im Coffee Corner fand das Swingfest lediglich an einem Tag statt, 2010 an zweien. Dieses Jahr hatte man zusammen mit dem Piano-Abend am Donnerstag bis Sonntag satte vier Tage Programm zu erleben. Tag 1 und 4 hatten für meinen Geschmack wenig oder sogar gar keine Höhepunkte zu bieten, so daß ich mich auf den Freitag und Samstag konzentrieren konnte. Das hat aber auch schon meinen armen, alten geschundenen Körper über Gebühr beansprucht. Zwei Tage, jeweils 12 Stunden vor Ort, 14 Bands, jeweils 2 Stunden An- und Abreise, mehr oder weniger hoch geistreiche Gespräche mit Dutzenden von im Publikum anwesenden Musikern sind eine psychische und physische Herausforderung, die man nur schwerlich über die kompletten 4 Tage durchhält. Weniger und kompakter wäre vielleicht mehr.

Der Freitag ging aber richtig gut los. Um auf keinen Fall meine absolute Lieblingsband Troum zu verpassen, wählte ich eine zeitige Anreise. Im strahlenden Sonnenschein an der Halle angekommen, war dann auch durch Zufall der erste Mensch, dem ich noch vor der Halle begegnete, Barakah von Troum. So gutgelaunt und mit ersten Vorabinfos versorgt gings dann pünktlich um 15 Uhr los. 15 Uhr !!! Was für ein Zeit für eine Band wie Troum. Noch nicht lange wach und dann gleich so einen emotionalen Brocken zu bewältigen, das macht man nicht alle Tage. Es fiel dementsprechend etwas schwerer in Troums dichten, melancholischen, dusteren Dronesound reinzukommen. Nachdem aber der ein oder andere Layer aufgeschichtet war, wusste ich dann auch wieder, wieso ich da war. Das Programm war diesmal deutlich songorientierter als zB 2011 beim legendären Auftritt in der Wuppertaler Sophienkirche. Dadurch fehlte etwas der ganz große Sog. Auch hatten Troum aufgrund der Örtlichkeit (die Halle ist von der Bühne aus betrachtet mindestens doppelt so breit wie lang) wie vorher im Gespräch von Barakah schon angekündigt leichte Soundprobleme, die man einfach nicht richtig in den Griff bekam. Dennoch waren die vielschichtigen Drones, die auf diversen Instrumenten wie Blockflöte, Gitarre, einer Art Panflöte und auch den Federn eines alten Kindertrampolins beruhten, absolut mitreißend. Im langen Mittelteil konnte man versinken und zum Ende hin wurde es noch einmal richtig episch. So klingt es, wenn Glitsch und Barakah versuchen, mittels Emotion gewordener Soundschübe dem Publikum „die Buxe auszuziehen“ (Originalzitat Glitsch). Ein Einstand nach Maß, der die Erwartungshaltung für den Rest des Wochenendes durchaus noch um einige Level nach beförderte.

Barn Owl waren dann als nächstes an der Reihe. Wer hier nun einen Sound wie beim 2010er Album Ancestral Star erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Die Gitarren sind komplett elektronischen Sounds gewichen. Glücklicherweise verzichtete das Duo auf den obligatorischen Laptop und erzeugte seine Sounds noch analog mittels diverser Effektgeräte. Die Sound klangen alle sehr war, flächig und ließen auch eine sehr schöne Stimmung aufkommen, aber irgendetwas fehlte immer. Im Vergleich zu Troum vorher türmte man nicht die einzelnen Sounds zu riesigen Bergen auf, sondern man nahm zu einem durchaus begeisternden Grundsound maximal noch 2-3 andere kleine Sounds dazu und legte teils noch einfache Beats drunter. Mehr Ausarbeitung der Strukturen und mehr Breite im Sound fehlten hier deutlich und so konnte man nur dem Kommentar des Zuschauers zustimmen, der da meinte, Barn Owl hätten es sich zu leicht gemacht.

Einen guten Kontrast und ersten Wachrüttler des Nachmittags/frühen Abends bildeten dann die italienischen Lento. Die Halle füllte sich nun zusehends und irgendwie wirkte es, als ob die Leute auf so ein Brett gewartet hatten. Lento, bekannt spätestens seit der Kollaboration mit ihren Landsleuten Ufomammut, boten dann auch gleich doomig/stonermäßiges Riffing mit postrockigen Einsprengseln allererster Güte. Immer wenn man sich gerade eingeswingt hatte, packten die Burschen einen an den Hammelbeinen und setzten mit irren Breaks und Rhythmuswechseln incl. einiger Blastattacken immer wieder Akzente. Nach den müden Barn Owl allemal ein kleiner Wecker.

Deaf Center fielen dann aber gleich deutlich wieder ab. Ein mir bekannter Musiker nannte das Dou etwas boshaft „Ricky King und Richard Clayderman“. Das ist natürlich komplett übertrieben, trifft aber leider ein wenig den Kern der Sache. Ein Mensch am Piano, einer an der E-Gitarre, zusammen sehr viel Wohlklang, der auch durch das bißchen Geknister vom Laptop nicht irgendwie in interessante Bahnen gelenkt werden konnte. Wer Gitarrist Skodvin unter seinem Pseudonym Svarte Greiner kennt, der wird vermutlich einigermaßen überrascht gewesen sein, wie wenig den beiden Herrschaften hier eingefallen ist. Einziges Schmankerl am Rande war dann tatsächlich der Pianosound. Ich bin wirklich kein Freund dieses Instruments, da es in der Regel immer zu Geklimper verwendet wird. Zu viele Töne pro Sekunde kann mein Drone geschultes Ohr nicht mehr aufnehmen. Herr Totland am Klavier hat es aber verstanden, durch sanfte schnelle Anschläge einen recht flächigen Sound hinzubekommen, wie ich ihn bisher auch noch nicht an diesem Instrument gehört habe. Insgesamt ging das noch so gerade eben okay. Es sollte noch schlimmer kommen.

Und zwar gleich im Anschluss mit Saffronkeira und Mario Massa. Dark Ambient am Laptop plus Trompete. Das konnte ich mir im Vorfeld schon nicht vorstellen, wie das so richtig funktionieren soll. Hats dann auch nicht. Saffronkeira hat mit sterbenslangweiligen Wechseln von immer den selben zwei Mollakkorden die Begleitung zu Massas Gegniedel an der Trompete geliefert. Schlimmes Pathos, langweilige Sounds und Kitsch as Kitsch can. Setzen, sechs.

Als dann die ersten Töne von Celestes Soundcheck mich wieder in die Halle lockten, war ich voller Vorfreude. Nach den ganzen Schlafmützen vorher brauchte ich jemanden, der mir mal wieder so richtig den Kopf freibläst. Besser konnte man Celeste also gar nicht plazieren. Gut, daß dann auch das Licht ausging und die Burschen mit ihren berühmten roten Stirnlampen und Stroboskop eine recht minimale Lightshow hatten. Will man Black Metal von Menschen in Röhren(Blue)jeans und kurzen Haaren hören? Aber das hat man dann ja nicht gesehen. So haben Celeste dann ziemlich Gas gegeben und es war wirklich befreiend. Zu Beginn der Show dachte ich noch, daß das ganze etwas breiig, dafür aber zu leise abgemischt wäre. Da stand ich aber noch am Rand noch deutlich neben der Bühne. Nach einer gewissen Weile entschloss ich mich, weiter in die Mitte und näher an die Bühne ran zu gehen. Da wars dann wesentlich besser, druckvoller und auch differenzierter, wenn man das bei so einer Band überhaupt sagen kann. Hier zeigten sich die akustischen Tücken der Halle abermals und nicht zum letzten Male. Als Celeste dann noch meinen Lieblingssong „Ces belles de rêve aux verres embués“ vom 2010er Album „Morte(s) Nee(s)“ spielten, da hatten sie endgültig gewonnen und ich hab mir die letzten ein oder zwei Songs noch von draußen angehört. Denn anstrengend ist ihr Sound immer, egal wie gut er ist. Nach Troum wohl der beste Gig des Tages, was ich dann auch mit einem TShirt-Kauf honorieren musste.

Zum Abschluss des Tages dann Biosphere aus Norwegen. Geir Jenssens Sound ist in meinem Wohnzimmer keine unbekannte Größe. Die beiden Alben Shenzou (basierend auf Samples von Orchesterstücken Claude Debussys) und das eher minimalistische und geräuschige Autour de la lune haben schon so manchen friedvollen Abend begleitet. Relativ am Anfang des Sets kam dann auch ein Stück von Shenzou aus Jenssens Laptop. Dennoch konnte mich der Auftritt so gar nicht fesseln. Im Verlauf wurden die Songs immer kitschiger. Das feine Gespür für schöne, pompöse Melodien, die nicht schmalzig wirken, scheint ihn verlassen zu haben. Auch die lockeren Poprhythmen passen so gar nicht zu seinem Sound und als dann am Ende noch eine zarte Frauenstimme einsetzte, war dann alles vorbei. Statt eines Höhepunktes im positiven Sinne, war das dann noch einmal der Beweis, daß zuviel Wohlklang nicht nur keine Stimmung rüberbringt, sondern sogar nerven kann. Das war dann auch das Fazit des Freitags.

Mit dem Höhepunkt gleich zu Anfang und dann viel Füllwerk fällt es schwer dem Tag ein positives Zeugnis auszustellen. Einzig die wirklich originellen Gespräche in den Pausen lockerten den Tag deutlich auf.

Das vegane Catering war übrigens auch nix. Die Waffeln zu trocken und das Chili überwiegend geschmacksfrei. Diesem Umstand hatte ich es dann auch zu verdanken, daß mir ein vermeintliches Highlight am Samstag durch die Lappen ging. Dazu aber mehr in Teil 2.

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